24. September 2008

Grumbier, Grumbeer, Erdapfel oder Kartoffel?

Gina Grumbier nimmt mich beiseite und fragt neugierig, wie ich auf ihren Namen kam. Erfundene Figuren sind manchmal ganz schön neugierig! Ich wolle doch wohl nicht behaupten, sie sei eine aldi Grumbier, eine alte Schachtel, ein altes Weib! "Du bist a rechte Grumbier" sollte einmal bedeuten: "Du bist ein einfältiger Mensch". Ist das wirklich die Bedeutung von Grumbier, ein Schimpfwort?

Von der Grundbedeutung ist Grumbier etwas, das es im gesamten Dreiländereck gibt, in Baden, dem Elsass und der Pfalz isst man sie nämlich gern: die Kartoffel. Grumbier ist dabei recht international, denn die leckere Knolle heißt so klanglich ähnlich in Schwaben, der Pfalz, Rheinhessen und hat in Abwandlungen auch östliche Geschwister. Krumbiere essen die Kroaten, die Tschechen tauschen den Konsonanten zur Krumpir und sind der Krumpli der Ungarn damit sehr nah. Grummpien kennen sogar die Rumänen und die Österreicher kredenzen Krumpan. Grumbier kommt von "Grundbirne" - man hat das Gewächs in jenen Gegenden mit der Nahrhaftigkeit einer Birne verglichen, die man aus dem Grund, der Erde zieht. Woanders hatte man es dann lieber mit den Erdäpfeln und bei den polnischen Nachbarn kauft man ganz einfach Kartofle. Aber beschränken wir uns aufs Dreiländereck mit seinem Sprachgewirr!

Für regionale "Ausländer" ist es nämlich nicht immer ganz einfach, die hochdeutsch fast arrogant klingende Kartoffel auf der Speisekarte zu erkennen. Kein Wunder, denn bei "Kartoffel" muss man derart die Lippen spitzen und "ff" ausatmen, dass es einem kaum gelingen will, in die Köstlichkeiten hineinzubeißen. Der Pfälzische Dialekt mag zwar Linguisten verprellen, aber den Genießern kommt er entgegen: einfach breit lächeln, den Mund leicht öffnen und beim Kauen weiche Lippenlaute wälzen:
Gebreedelde sehen so flach und kross aus wie ein "e" = Bratkartoffeln
Gequellde gehen beim Kochen im Wasser auf, bis sie platzen = Pellkartoffeln
Grumbierschtambes ist Kartoffel gestampft = Kartoffelpürée
Schales - hier versagt meine linguistische Vorstellungskraft, das sind geriebene Kartoffeln, in Öl gebraten, also so ähnlich, wie man hochdeutsche "Kartoffelküchlein" oder Reibekuchen machen würde.

Der badische Dialekt ist da schon einfacher: Krumbiere isst man da, aber in manchen Gegenden auch Härdepfel (hochdeutsch = Herdäpfel).
Der Badner schwätzt weniger und goutiert lieber, macht's also kürzer als der Pfälzer:
Brägeli oder Brägele = Bratkartoffeln
Härdepfelbrei = Pürée, das, wenn es missrät, zum Babbedeggel verklebt.
Man ist derart stolz auf die Kartoffelesserei, dass man für Andersdenkende ein eigenes Schimpfwort hat: Schbätzlesfresser, mit denen man dann aber wieder ganz unpatriotisch die Schupfnudle teilt, einen Zwitter aus Kartoffel und Nudel ähnlich den italienischen Gnocchi.

Im Elsässischen könnte man bei über 200 Unterdialekten Sprachenchaos vermuten, aber es ist einfacher als gedacht. Je nach Gegend sagt man einfach Härdapfel, Grumbiere, Grumberra oder Kardoffle, denn Elsässisch ist wie Südbadisch oder Schwyzerdytsch eine alemannische Sprache. Bei den Gerichten geht sie als Name eher unter, steckt aber garantiert in jedem Bäckeoffe und Choucroute drin. Und richtig zungenbrecherisch wird es bei den Roigebradeldi! Wahrscheinlich deshalb ein so fettes Wintergericht, weil man sich dafür tüchtig das Mundwerk ölen muss!

Appetit bekommen? In der nächsten Folge gibt's nach dem trockenen Sprachexkurs leckere Rezepte aus dem Dreiländereck und natürlich lüften wir das Geheimnis, warum Gina Grumbier so heißt, wie sie heißt!

21. September 2008

Sinnliche Übersetzungen

Ich bin ja eine, deren Sinne in mehrfacher Hinsicht nicht "normal" funktionieren wollen: Als Badnerin kann ich mit der Nase auch schmecken und als Synästhesistin höre ich Bilder, fühl-sehe Musik oder Geschmack. Keine Frage, dass mich alles in der Kunst interessiert, was die üblichen Wahrnehmungsschubladen herauszieht oder überwindet. Und so bin ich gestern im Galand ganz auf meine Kosten, nein, auf mehr als fünf Sinne gekommen.

Die Theatertruppe HandStand gab Goethes Faust in Ausschnitten, aber auf mehreren Ebenen. Faust wurde also nicht nur wie üblich gespielt und gesprochen, sondern auch "gebärdet". Völlig unbedarft wollte ich mir das anschauen, Gebärdensprache kannte ich bisher nur aus den Nachrichten, wo mir immerhin schon mal auffiel, dass sich harsche Politikerattacken und bedenkenvoll schleppende Rede durchaus in der Rhythmik und im Bild der Gesten niederschlagen. Faszinierend also, sich auf diese "Fremdsprache" ganz naiv einzulassen, sie wirken zu lassen - wie wenn man als Urlauber zum ersten Mal Italienisch hört.

Lange weiße Papierfahnen hingen im dreistöckigen hohen Tabakschopf von oben herab. Spontan kommen einem Assoziationen zu Gebetsfahnen oder japanischen Schriftrollen - auf alle Fälle wollen da Zeichen entdeckt werden. Die Künstlerin Martina Staudenmayer hat ein Jahr lang Vernissagenreden aufgezeichnet und das, was so manchen Kunstliebhaber gern auch mal einschläfert oder verwirrt, in die für Hörende zunächst fremd wirkende Gebärdensprache übersetzt. Reden über die Kunst wird transformiert in Kunst selbst - über die man dann wiederum reden könnte. Womit der Vernissagenredner vom Künstler gezwungen wäre, über Vernissagenreden zu sprechen - reizvoll, sich die Folgen auszudenken...

Am besten schaut man jedenfalls einfach hin und öffnet seine Sinne, vergisst alle Sprachkenntnisse und Begrenzungen. Und dann enstehen auch aus dem unbeweglichen Bild heraus eigene Rhythmen, Richtungen. Wenn ein Redner sichtlich zu langweilen beginnt oder sich wiederholt, erstarrt sogar das Bild. Dann gibt es die Aufgeregten, die Schwingenden und auch welche mit großen Pausen. Zu gern möchte man verstehen, was da steht.

Und vor diesen kleinen Gesten gab es dann die großen der Schauspieler, dreidimensional. Das Theater HandStand hat nicht einfach jedem einen starren Übersetzer beigegeben, sondern die Gebärdensprache ins Schauspiel integriert und transformiert. Ungefähr so, wie ein guter literarischer Übersetzer einen Goethe nicht wortwörtlich hinüberübersetzt, sondern nachdichten muss, suchten die Schauspieler mit ihren Gebärden eine adäquate Wiedergabe, ein Parallelstück. Mephisto teilte sich in zwei Männer und eine Frau, die Sprachen seiner Anteile wechselten und plötzlich stand da mehr als nur ein Pudel oder Teufel - ein vielschichtiges Wesen, das sich ineinander zu verzahnen schien.

Ich weiß nicht, wie es anderen ging - ganz schnell schaute ich nur noch auf die Gebärdensprache und war manchmal sogar froh, wenn die Tonvorlage kurz verstummte. Denn diese stille Welt entwickelte so viel eigene Poesie und Lebendigkeit, so viel Schönheit und Musik, dass man auch als Nichtkenner zeitweise verstand, was da ausgesagt wurde. (Und vor allem gewahr wurde, welchen Lärm wir Hörenden und Sprechenden ständig veranstalten). Das Theaterspiel gab der gesprochenen Sprache außerdem eine ganz besonders sinnliche Form, wo Gebärdensprache zum Tanz von Händen und Körpern wurde. Und wenn Schauspieler zwischen beiden Mitteilungsformen wechselten, entstand zeitweise ein eigenartiger Effekt: Goethe lief auf mehreren Ebenen gleichzeitig ab, und zwar so verschränkt, dass man sich überlegen musste, wie man sich eigentlich selbst mitteilte, dass man der eigenen Gesten und Mimik gewahrer wurde.

Diese Fassung von Faust hatte eine sehr bezaubernde, eigene Poesie. Und obendrein sprang der Funke aufs Publikum über: Goethe war doch ein ziemlich humorvoller Dichter und Klassiker können unendlich viel Spaß machen!
Bleibt zu sagen, dass ich als Synästhesistin ein ganz eigenes Erlebnis hatte, das ich nicht missen möchte. Ich hatte das Vergnügen, noch eine dritte Ebene zu erleben - die Gebärden habe ich nämlich "hören" können, nicht mit den Ohren, nicht die gesprochene Sprache dahinter, sondern eher Klänge - fühlbare, farbige, dreidimensional im Raum bewegliche Klänge. Und als Produzentin von Texten bin ich natürlich doppelt fasziniert, auf welche Arten man Text wiedergeben kann.

In diesem Sinne - keine Angst vor Fremdsprachen, einfach wahrnehmen, hinschauen, hinfühlen, wirken lassen. Die weiteren Aufführungen der Theatertruppe möchte ich jedem neugierigen Sinnesmenschen empfehlen!

19. September 2008

Einkaufen im Hofladen

Das Bibbern der letzten Tage bei Nachttemperaturen um die sechs Grad und immer noch leerem Heizöltank hat böse Vorwinterstimmung hinterlassen. Also habe ich mir heute bei plötzlichen 24 Grad im Schatten einen Ausflug als Stimmungsaufheller geschenkt, bei dem ich nach Urzeiten wieder einmal in einem Hofladen einkaufen wollte. Zumal ich das verpestete Plastikfoliengemüse aus Spanien (übliche Ware im Elsass, denn die Elsässer Bauern bauen ja lieber Mais an) nicht mehr ertrage. Das Zeug hat zwar unterschiedliche Farben und Formen, aber alles schmeckt gleich, nämlich nach nichts.

So habe ich mich dann am Rand der Ortenau wiedergefunden und wurde von Formen und Farben begrüßt: Paprika in spitz oder rund, knubbelig oder groß, lila, rot, gelb, grün... Und jede duftet anders. Ich war dann erst mal trunken vor Düften - das fehlt der supermarktgewohnten Nase nämlich, zumal ich meine Arbeit selten für einen Gang in die Markthalle von Haguenau unterbrechen kann, wohin man aber auch aus Spanien importiert.

Was so ein Bauernladen heutzutage an Köstlichkeiten verkauft, ist einfach umwerfend. Da gibt es Bärlauchöl und selbstgemachten Himbeeressig; Früchte und Gemüse, wie man es als kleines Kind malte. Selbstgemachte Käse, heimische Würste, Brot und Kuchen aus eigener Bäckerei... Als ich daheim auspackte, wusste ich gar nicht, wo ich zuerst probieren wollte: Ein Rädchen Blutwurst? Oder hauchfein geschnittenen echten Schwarzwälder Schinken auf dem frischen Holzofenbrot? Was werde ich mir heute abend kredenzen? Die geräucherte Schwarzwälder Forelle? Das Huhn, das kürzlich noch über diesen Hof rannte? Passen dazu Antipasti von gemischten Paprika oder mache ich den knackig frischen Eichblattsalat mit frischem Lauchzwiebelgrün an? Das Desert steht jedenfalls fest: Frische Bühler Zwetschgen.

Egal, den Hefestreußel habe ich vorhin zum Kaffee schon vorprobiert. Und bin entschwebt, weil er besser war als mein eigener. Und falls ich heute abend zu viel herumprobieren sollte, habe ich ein gutes Tröpfchen mitgebracht: Blutwurz in Topinambur. Der Topi hat sein müssen, weil er gerade auf den Feldern zwischen Hügelsheim und Lichtental üppig gelb blüht und dem Herbst Feuer gibt. Aber Blutwurz?

Neugierig ließ ich mich aufklären, denn ich kenne Blutwurz als Heilkraut zum Blutstillen, würde also eher einen verletzten Finger hineinhängen als die Zunge. Aber mit dem Topinambur hat man früher ja auch die Füße eingerieben, mit dem Vorbrand natürlich. Und da erzählt mir die eine Frau, das sei ganz üblich als Verdauungsschnaps bei großen Geburtstagen und Hochzeiten. Und die andere meinte, genau deshalb könne sie den Geschmack nicht ertragen, weil sie das als Medizin kenne, wenn man krank am Magen war.

Es hat mich ein wenig traurig gemacht, dass mir dieser Schnaps so fremd schien. Zwanzig Jahre in Emigration - machen die so viel aus? Ich entdecke ein fremdes Land... Ganz neugierig habe ich dann natürlich daheim sofort dran riechen und schmecken müssen. Uaaaaah! Von wegen fremd! Sofort war die Erinnerung wieder da. Der Vater meiner Schulfreundin hatte das im Schrank. Wenn er mal wieder auf der Jagd gewesen war und üppig Wild gegessen hatte, gab's das Zeug hintennach. Wir Kinder haben natürlich irgendwann mal heimlich daran genippt. Ach, hat's uns geschüttelt! So eine eklige Erwachsenenmedizin! Und roch wie der Schnaps, mit dem die Oma ihre Füße einrieb. Besser als Franzbranntwein, meinte sie immer und schluckte dann noch ein Glas inwendig, zur Sicherheit.

Es ist faszinierend, wie sehr uns Geschmäcker und Gerüche aus der Kindheit prägen. Auch auf der Heimfahrt dann bei halb geöffneten Fenstern... Der Duft der Topinamburfelder in der Luft - und dahinter die wässrig-erdigen Lüfte des Rieds, Sumpfgründuft. Jede Landschaft riecht anders - und das will ich genießen, bevor der Geschmack von Frost kommt.

Croissant: Was ist das?

Herr Rheinauer betet eine Liturgie. Brabbelt seltsam gedehnte E-Laute und fremdländische Wörter. Als Gina Grumbier wissen will, was das soll, meint er patzig, er zähle die Grundstoffe auf, aus denen ein moderner Croissant bestehe. Croissant, also dieses beliebte Frühstücksgebäck aus Frankreich, das man stilecht in den Kaffee-Bol tunkt. Ohne Tunke kracht das mondförmige Hörnchen leicht zwischen den Zähnen und blättert ab - denn es wird aus feinstem Blätterteig gemacht. Auf der Zunge zergeht es dann wie Schmelz.
Aber dafür braucht es doch nicht viel Zutaten? Gina Grumbier weiß von Mehl, reichlich feiner Butter, Zucker... das Übliche eben.

Rheinauer lacht boshaft und hält ihr das Kleingedruckte eines modernen Bäckerketten-Croissants entgegen, der mit Schokokrümeln bestreut und mit Nusspaste gefüllt ist:

Weizenmehl, E 322 von Soja, E471, hydrogeniertes Pflanzenöl, Milchpulver, Emulgatoren (E 322), Arone, Butterkonzentrat, Wasser, Ei, Hefe, Zucker, "Verbesserer": Gluten, Emulgatoren E 472e und E 471, Malz, Pflanzenöle, Enzyme, Mehlbehandlung durch E 300 und E 920, iodiertes Salz.
Füllung: Nougat (20% der Paste), 80%: Zucker, Nusspaste, tw. hydrogeniertes Pflanzenöl, Kakaopuder.

Wohl bekomm's!

18. September 2008

Gemütlichkeit

Das deutsche Wort "Gemütlichkeit" ist in vielen Sprachen schlicht unübersetzbar. So fühlt sich auch ein Franzose eher "à l'aise", d.h., er hat es komfortabel, bequem. Und weil man auch "schöner Feierabend" weder übersetzen kann noch als Gruß kennt, setzt sich das Klischee durch, die Nachbarn jenseits der Grenze seien eben ganz besonders auf die Entschleunigung der Zeit bedacht. Erhärtet wird das durch zwei weitere Klischees: Im Rest von Deutschland hält man die Badner für "Italiener", weil sie angeblich lieber Feste feiern als arbeiten. Und die Pfalz würde man in einem französischen Disneyland aus schnuckeligen Weinstuben basteln.

Tja, die liebgewordenen Vorurteile...
Kürzlich habe ich feine Orte der Beschleunigung im deutschen Grenzgebiet ausgemacht. Orte, an denen man sich die Gemütlichkeit abtrainieren kann, vielleicht, um mehr Zeit für den Feierabend zu haben? Denn auf Parkplätzen für Supermärkte ist mit der Ruhe Schluss!

Eine dreiviertel Stunde nur billigten mir die Pfälzer für meinen Wocheneinkauf zu. Gar nicht so einfach, wenn man in einem fremden Laden erst alles suchen darf, ausländische Ware beäugen - und noch schlimmer, mühsam mit Lesebrille alles Kleingedruckte entziffern muss. Kommt die Wartezeit an der Kasse hinzu. Hopphopp, nix wie durch, nix wie raus.

Damit ist das Geheimnis eines elsässischen Witzes gelüftet, der besagt, wenn du im Supermarkt einen Wagen in die Hacken gefahren bekommst, dann sei das garantiert ein Deutscher, immer hopphopp beim Einkaufen. Wir wechseln nämlich auch mit der Kassiererin bei Aldi noch ein nettes Wort und gehen erst mal mit der Freundin im supermarktseigenen Bistro einen trinken. Und zwischen den Regalen wird dann auch noch fleißig geratscht, telefoniert und geflirtet. Eine französische Kaufhauskette hat das erkannt und bietet einen Verkuppelungsservice. Singles auf der Suche nehmen einfach einen Einkaufswagen mit rosa Schleife! Man geht doch nicht Einkaufen, nur um einzukaufen!

Die Badner haben mir dann mein Klischee wieder gerettet. Die geben mir gleich hinter der Grenze doch tatsächlich 45 Minuten mehr als die Pfälzer! Jaja, wir haben das Leben schon immer etwas ausführlicher genossen. Aber trotzdem, anderthalb Stunden! Früher sind die Rastatter stundenlang auf der Staffel gesessen und haben nur geschnatzt und nie auf die Uhr geguckt. Jaja, früher war alles besser, da hatte auch eine Stunde noch mehr Zeit...

Aber wer ist denn nun gemütlich? Wer der Gemütlichste von allen? Elsässer? Franzosen? Badner? Pfälzer? Eskimos?
Oder könnte es sein, dass man Gemütlichkeit inzwischen sehr genau zuordnen und planen muss?

Straßentheater - Elsass

Für kurzentschlossene Wochenendausflügler gibt's Straßentheater im Elsass mit der Truppe "Les Professionnels" und ihrem Stück "International Cirkus". Wie der Titel schon sagt, eine Sache, die man auch ohne Sprachkenntnisse goutieren kann.
"Les Professionels" gastieren am Samstag, 20.09. beim Kulturzentrum "Saline" in Soultz-sous-Forets (neben Match) um 16 Uhr und in Wintzenbach sind sie am Sonntag, 21.09., zwischen 16 und 18 Uhr. Weil dort der Verein "Sur les sentiers du théatre" sitzt, der sich darum bemüht, Kultur und Theater ins ländliche Gebiet des Outre Foret zu bringen und das Ganze veranstaltet, ist dafür gleich eine ganze Straße abgesperrt.

Und wer sich auf französisches Straßentheater einstimmen will oder keine Zeit hat, findet solch eine Szene in meinem Roman "Lavendelblues". Ein kleiner Ausschnitt daraus:
"Als im Licht der Straßensonne eine frauengroße Mohnblume auf Zehenspitzen tanzt, klatsche ich spontan in die Hände. Frau Mohn ist so wunderschön in ihren roten Schleiern. Da droht der überdicke Mönch mit dem erstaunlich dünnen Finger und kündigt damit unfreiwillig einen Gaukler an. Der spuckt Feuer, treibt den Mönch damit in die Flucht und stibitzt, während wir alle abgelenkt sind, das letzte Stück Käse..."

PS: Wie üblich fehlt mir sowohl auf der Tastatur als auch hier auf dem Server ein gewisser schöner Akzent - ideal auch als Ausrede, weil ich mit den Akzenten auf Kriegsfuß stehe...

16. September 2008

Musikfestivals im Elsass

Im Elsass ist wieder der heiße Herbst der Musikfestivals angebrochen und es werden jährlich mehr. Fast schon zu viele auf einmal, denn so viel Musik kann man mit zwei Ohren gar nicht fassen... Einige Festivals laufen bereits seit Anfang September, andere beginnen erst noch. Ein kleiner Überblick:

Bis zum 5. Oktober finden Freunde romanischer Musik außergewöhnliche Konzerte in romanischen Bauwerken: Voix et route romane. In diesem Jahr ist Rosheim am Odilienberg gleichzeitig Gastgeber der mittelalterlichen Tage, mit Markt, Bankett und Vorstellungen. Allein wegen seiner außergewöhnlichen Hohenstauffer-Kirche und einem Wohnhaus aus der Zeit (mit Museum) ist der Ort einen Umweg wert. Und der Odilienberg thront gleich vor der Haustür. Vielleicht fährt man über St. Leonhard dorthin, dort ist eine der ältesten Marqueterie-Werkstätten des Elsass zu sehen. Vorfahr Spindler schuf berühmte Jugendstilarbeiten und u.a. die Bilder in der Kirche auf dem Odilienberg. Der Nachfahr verkauft seine Holzkunst an Luxushotels in aller Welt und private Sammler.

Musica, das Festival für zeitgenössische Musik in Strasbourg (20.09.-04.10.), ist das berühmteste im Elsass - und versammelt alles, was Rang und Namen in der Szene hat. Dieses Jahr ist es Messiaen und Stockhausen gewidmet.

Dazu gibt es am 26. und 27. September einen kleinen Ableger im Quartier de la Laiterie in Strasbourg. Nuits électroniques de l'Ososphère heißt der Geheimtipp, für den jedes Jahr Künstler aus ganz Frankreich anreisen, die sich der elektronischen Musik und visuellen Installationen verschrieben haben. Vorsicht, das Programm ist prall: Etwa sechzig Konzerte und ein Dutzend Installationen verwandeln das nächtliche Viertel zwei Tage lang bis auf die riesigen Fassaden!

Und vom 11. bis 18. Oktober gibt es dann wieder den ganz großen Leckerbissen für Freunde von Weltenmusik, Jazz und Rock, die Nuits européennes, die gleichzeitig in Strasbourg, Schiltigheim, Bischheim und Offenburg stattfinden. Als besonders angesagt sind Konzerte von Balkan Beat Box, Terrafolk oder Iva Nova aus Russland, der New Yorker Klarinettist David Krankauer und die deutsche Band Al Awala. Weltenmix gibt es außerdem in einem bretonisch-äthiopischen und einem belgisch-argentinischen Projekt.

Und das sind jetzt nur die Festivals... Strasbourg ist natürlich jederzeit in Sachen Musik eine Reise wert. Und die Oper ist selbst nur zum Kaffeetrinken ein Erlebnis.

Mehr Infos:
Der offizielle Stadtserver von Strasbourg
info-culture, deutschsprachige Suchmaschine für Veranstaltungen im Dreiländereck
Stadtplan Strasbourg



Eine Frau mit vielen Köpfen

So, Gina Grumbier und Herr Rheinauer zeigen langsam ihr wahres Gesicht, werden greifbarer. Ihren Charakter brauche ich nicht nur für die Texte, sondern vor allem um zu wissen, wie sie sich bewegen und sprechen. Nicht so einfach, wenn man beides sein will...

Aber das ist Kleinkunst - Kunst mit kleinstmöglichem Aufwand. Ideal für leere Künstlerkassen, denn man kann ja nicht noch investieren. Alles wird auf ein Minimum begrenzt, weil man auch nicht weiß, wie potentielle Auftrittsorte aussehen könnten. Die Planung dieser "Äußerlichkeiten" läuft auf Hochtouren:

Die Figuren und Kostüme
Ein Mann und eine Frau, eine Genusssüchtige und ein Staatsdiener eines sinnesfeindlichen Landes. Aber nur eine Frau, die beide spielt.
Verwandlung also fliegend, auf der Bühne, mit wenigen Mitteln. Wie zieht man sich an, damit beides passt? Trägt Gina eher eine bunte Kittelschürze oder ein aufgemotztes Wickelkleid à la 80er? Rheinauer ist einfacher. Der bekommt eine kräftig grüne Detschkapp mit jeder Menge Pins und Ansteckern, vielleicht eine strenge Jacke. Demnächst ist ein Besuch im An- und Verkauf angesagt, wo es für ein paar Euro die schauderhaftesten Klamotten gibt. Bis dahin zieht Rheinauer die Mütze auf und Gina wedelt mit einem langen Schal. Das Wechselritual muss in Fleisch und Blut übergehen, für die Stimme, die Gestik, die Mimik, sozusagen als Umschaltknopf. Immerhin stimmt der Haarschnitt. Kurz. Das geht für Frau wie Mann.

Bühnentechnik
Im Ernstfall bei Glühlampe spielbar, mit eigener Stimme. Mikrophon an der Backe wäre Luxus. Keine Geräusche etc. von Band, denn merke: Die Anlage des Wirts fällt zum falschen Zeitpunkt immer aus. Und ein Ein-Frau-Stück bedeutet: Eine Frau hat nur zwei Hände.

Requisiten
Gina braucht einen Koffer. Möglichst alt, urig und mit exotischen Aufklebern, die ich mir auf dem Computer selbst basteln kann. Er muss leicht und handlich sein, weil er überall mitgeschleppt werden muss. Ideal: Wenn er die Größe hat, dass man sich auf ihn setzen kann oder ihn aufgerichtet zum Möbel umfunktioniert. Dann dient er, mit einer Fantasiefahne behängt, auch als Schalter für den bösen Zöllner und quergestellt als Sitz im Billigflieger. Gina braucht für die Anfangsszene einen überdimensionierten Hochglanz-Reiseprospekt. Im Koffer stecken ihre "Überraschungen" und literarische Texte, die irgendwie gut befestigt sein müssen und vor allem szenisch durchnummeriert.

Damit ist ein Grundrahmen gesteckt, von dem aus sich entwickeln lässt. Was Gina dann genau in ihrem Koffer mitführen wird, ergibt sich aus dem entstehenden Text. Und für den habe ich auf diversen Klassiker-CD-ROMs fleißig Texte gesammelt, die ich irgendwann sichten und Passagen auswählen muss. Absolut Köstliches, teilweise zum Schieflachen, über falsche Diäten, Fresssäcke, Gastmähler. Es ist erstaunlich, was man bei den alten literarischen Größen an Spaß finden kann.
Wenn die Texte ausgewählt und geordnet sind, muss die Spielhandlung drumherum geschrieben werden. Aber das später.

Und spätestens Ende Oktober muss die Ein-Frau dann ganz schnell PR-Frau und Veranstaltungsagentin werden. Sprich, Flyer drucken, Werbesprüchlein üben und sich bei möglichen Veranstaltern im Dreiländereck anbieten. Klinken putzen (etwas, was ich eigentlich gar nicht kann). Das ist schon recht spät, teilweise sind die Programme für 2009 ja schon gemacht... Zeitlich passt das mit der Buchmesse gut zusammen, denn dann muss ich wahrscheinlich wieder mit Hochdruck an zwei Bücher gleichzeitig...

Aber das wird schon. Mir bleibt nichts anderes übrig. Denn wie stöhnt meine Verwandtschaft so schön: "Hättsch du doch nur 'en g'scheiten Beruf gelernt!" Mit dieser Idee habe ich mich endgültig ins Abseits bugsiert. Ich sehe schon die Ahnenreihe, in der ich bald genannt werde... da war die Hochstaplerin, der Seefahrer, der nach Italien abhaute, der Kunstfälscher, pardon Kopist, der Comictyp bei Walt Disney... so viele ohne g'scheiten Beruf.

15. September 2008

Die Teppichmesser-Diät

Herr Rheinauer ist heute in seinem Element. Er hat Gina Grumbier beim Schmuggel im Billigflieger erwischt! Großspurig erklärt er ihr, Teppichmesser und Nitroglyzerin-Ampulle seien im Handgepäck auf dieser Route durchaus erlaubt gewesen.

Er erzählt ihr sogar von besonders feinen Dolchen, mit denen man sich in Japan den Bierbauch schönheitsoperiere. Ganz ohne Fettabsaugung, diese Harakiri-OP, ohne Magenverkleinerung und teuren Schnickschnack, nach Anleitung sogar desinfektionsmittelsparend im heimischen Wohnzimmer auszuführen, während Tante Erna ihren Kaffee schlürft und von Onkel Ernstens Darmverschluss erzählt.

Alles erlaubt im Handgepäck, auch der Dolch, gerade der. Aber dass die sie nicht erwischt hätten mit ihrer hochgefährlichen, das ganze Land, nein, die ganze Welt gefährdenden Superwaffe, diesem schlimmsten Übel aus der Achse des Bösen, diesem üblen Dreiländereck, nein...

Herr Rheinauer schimpft wie ein Rohrspatz und fischt das Objekt aus der Tasche. Mit spitzen Fingern übergibt er die brotpapiergetarnte Bombe einem Sondereinsatzkommando. Gina Grumbier muss sich für illegalen Waffentransport verantworten. Sie hat ein Leberwurstbrot geschmuggelt. Tod durch high fat, high calories, high Kohlenhydrate! Womöglich Durchseuchung des Landes durch Katzenschnupfen, BSE, Geflügelpest und Zwingerhusten!

Den Einwand, es handle sich um ein harmloses Schweinswürstchen, lässt der Grenzbeamte nicht gelten. Ist ja noch schöner, Massensterben durch Schweinefleisch, als ob's noch nicht genug Bedrohungen gäbe auf dieser Erde!

Gina Grumbier wird zu drei Tagen Diät nach Wahl verknackt. Die Auswahl ist brutal:
  • Steinzeit-Diät: Nur wer das Mammut bis auf den Teller kriegt, darf Fleisch essen. Der Rest kaut sich die Zähne auf Körnern stumpf und nimmt zum Schlafengehen psychedelische Pilze.
  • Die KFZ-Diät: Dein Chauffeur, den du dir am Essen absparst, fährt beim Joggen hinter dir her.
  • The Hacker's Diet: Eine ausgeklügelte Software deines Diätgurus sammelt Adressen für Pizza, Indisch und Chinesisch und wählt per Zufallsgenerator immer Pizza mit Hackfleisch.
  • Warrior Diet: Stell dir vor, die Versorgung ist unterbrochen und du hängst ohne Proviant im Urwald fest. Tagsüber erlaubt: Insekten, maßvoll. Nachts erlaubt: Feinde, satt.
Gina Grumbier wählt die amerikanische Krümelmonster-Diät kombiniert mit der Guinness-Diät (guinness is good for you), weil sie so leicht zu merken ist: Keine Kekse. Und ab 16 Uhr nur noch Flüssignahrung. Nachher als Diätbrecher zur Haftentlassung vielleicht ein saftiges Steak?

Herr Rheinauer poltert los: "Ein Steak wirkt ebenso tödlich wie eine Revolverkugel. Schlimmer noch. (...) Ihr Dickdarm ist verstopft mit verwesender Last, das ganze Blut strömt in den Eingeweiden zusammen, in seinem anfälligen Herzen nistet die Wut des Karnivoren - ein Steak tötet Tag für Tag, Minute für Minute, indem es aus dem ganzen Leben ein Martyrium macht!"

Das hat Herr Rheinauer von Dr. Kellogg geklaut. Also dem Dr. Kellogg, den T. C. Boyle im Roman "Willkommen in Wellville" walten lässt. Und ja, das ist der mit den zuckerreichen, künstliche Aromata-gewürzten Flocken, von denen man die Gene auch nicht mehr so genau kennt. Rheinauer schwört obendrein, dass keine der Diäten in seinem Strafgesetzbuch erfunden ist, sondern selbstverständlich durch die virtuelle Geheimdienstorganisation Guglhupf als existent zertifiziert wurde.

Gina Grumbier säuft irisches Bier und macht sich Sorgen um ihr Leberwurstbrot und den amtlichen Mitschnitt dieses Postings.

14. September 2008

Herbstliche Vogelgirlande

Gina Grumbier trinkt Farben. Nachdem gestern die Welt schier unterging in einem düstergrauen Vorhang von Dauerregen, leuchtet heute der Altweibersommer mit Blüten und Früchten. Blasslila betupfen die krokusartigen Herbstzeitlosen die saftigen Wiesen. Eine Heckenrose breitet ihre prallen Hagebutten über einen Apfelbaum mit lindgrünen Früchten, wie ein stacheliges Schutzdach. Der Vogelbeerbaum setzt fröhliche Tupfer in den blassblauen Himmel, feuerorange. Spatzen balgen sich im Feuerdorn um gelbe Köstlichkeiten und der reifende Mais raschelt trocken im Wind.

Zeit, sich die Farben des Altweibersommers ins Haus zu holen. Alte Rosensorten steckt sie zu gelbgrünen Dilldolden und allerlei Beeren in die Vase. Und dann denkt Gina Grumbier an den Winter. Sie fädelt Vogelgirlanden, die jetzt in der Wärme noch getrocknet werden können und später im Winter nicht nur einen Blickfang bieten, sondern köstliche Kletterseile für hungrige Vögel.

Das braucht sie dazu:

einen schönen Ast, vielleicht von Korkenzieherhasel oder -weide
frische Hagebutten
Beeren, die Vögel gerne fressen (Feuerdorn, Vogelbeere, Kirschlorbeer etc.)
Eine dicke, spitze Nadel
stabilen Faden
ein aufhängbares Objekt mit etwas Gewicht (Stein, Holz etc.)
Naturschnüre oder Bast zum Aufhängen

Und so geht's:

Die frischen Hagebutten auffädeln wie Perlen auf einer Kette. Dazwischen immer wieder Beerendolden und andere Naturobjekte einknoten und zum Schluss ein schweres Objekt befestigen. Diese "Ketten" in unterschiedlichen Längen an den Ast knoten und das Ganze sorgfältig trocknen. Nach draußen werden die Girlandenobjekte erst im Winter gehängt - jetzt fressen sich die Vögel noch anderswo fett. Wenn sich durch das Trocknen Lücken bilden, kann man im Winter ganz frisch Apfelschnitze dort befestigen.

Gina Grumbier gefällt das so gut, dass sie sogar Maiskolben schält und mit grobem Sisal oder Hanf in unterschiedlichen Längen und in straußförmigen Bündeln an einen Ast oder die Scheune hängt. Beim nächsten Dauerregen scheint dann hier gelb die "Sonne".

13. September 2008

Der Vorhang geht auf...

... im Publikum sitzen lebensfrohe Genießer, Menschen die gern kochen oder sich bekochen lassen, die Reisen durchs Land und im Kopf mögen, Grenzgänger und Gratwanderer, Sucher von Sinn und Sinnen. Aber auch Wortschmecker sind gekommen und Bildverschlinger, Text-Gourmets und Geschichten-Gourmands.

Darf ich die Protagonisten vorstellen?

Gina Grumbier, mit jedem ihrer Augen verwurzelt im Dreiländereck, Weltenbürgerin und sinnenreich Reisende. Mit einem Koffer voller Überraschungen hat sie die ultimative Genusstour gebucht und träumt bereits vom Sinnenrausch im Freiländereck. Wenn sie doch nur nicht in diesen Billigflieger gestiegen wäre... der landet an an einem grausamen Ort - und es lauert daselbst:

Herr Rheinauer, seines Zeichens Zöllner und Grenzgänger-Verhinderer, korrekt, schlagkräftig, Liebhaber perverser Diäten. Rheinauer schreibt ab und schreibt vor, bohrt seinen Zeigefinger in die Sünden der Genießer und drückt seinen Daumen auf Visa für Dauerasketen. Er beschlagnahmt Kunst und Literatur und droht Gina schlimmste Qualen an: Gefängnis, bei Wasser und convenience food...

... ein ungleicher Kampf beginnt...

Und wenn sie nicht kämpfen, berichten beide hier aus ihren Welten.