21. Dezember 2008

Gina Grumbier: Mit dem Kopf durch die Wand

Als ich die Idee mit der literarischen Kleinkunst hatte, ahnte ich nicht, dass Europa und seine Administration und insbesondere Deutschland auf Initiativverhinderung eingeschworen sind. Wer Ideen hat, kann nicht einfach machen, Publikum verwöhnt man nicht ungestraft und am besten sollte man zwei Semester Jura einlegen, bevor man die Bretter betritt, die angeblich die Welt bedeuten.

Ich will niemanden langweilen, ähnliche europäische Bürokratenauswüchse wuchern auch in anderen Berufen. Um es kurz zu machen: Die eierlegende Wollmilchsau, die heutzutage überall gefordert und zum Überleben immer notwendiger wird, ist administrativ auf nationaler Ebene nicht vorgesehen. Kommt erschwerend dazu, dass sich eierlegende Wollmilchsäue aus Frankreich von den deutschen grundlegend zu unterscheiden haben. Ich darf also selbst meine Kaffeemaschine bedienen, aber wehe, die Künstlerin macht auch noch PR. Pfui, das ist eine andere Branche.

Eine ganz besonders nette Hürde ist jedoch eine typische Erfindung meines "Heimat"lands Deutschland, die es sonst in Europa meines Wissens nicht gibt. Ich gelte nämlich für mein Geburtsland als Ausländer, weil ich böse, böse Künstlerin im Ausland lebe. Und böse ausländische Künstler müssen in Deutschland erkennen, was sie sind. Deshalb hat man dort trotz aller Doppelbesteuerungsabkommen und eigentlich halblegal die sogenannte Künstlerausländersteuer erfunden. Angeblich, damit Leute wie Michael Jackson das deutsche Bruttosozialprodukt aufpeppen. Aber die ärmeren Künstler trifft es auch. Jahrelange Vorstöße von Künstlern zur Abschaffung dieser brutal hohen Abgabe wurden von verschiedenen Finanzministern immer wieder abgebügelt. Für Musterprozesse fehlt normalen Künstlern das Geld, und Leute wie Michael Jackson haben ihre Tricks, auch diese Steuer zu umgehen.

Um sich das vorzustellen: Der Künstler A lebt links vom Rhein und will - weil wir ja Europa haben, rechts auftreten. Er kann da zu Fuß hinlaufen. Wer aber über die Brücke latscht, ist Ausländer. Ausländersteuer wird zusätzlich in Deutschland fällig , obwohl Künstler A brav seine Steuern laut Doppelbesteuerungsabkommen daheim bezahlt. Damit will der deutsche Staat nicht nur sein Säckel sanieren, sondern verhindern, dass zu viele Ausländer zu viele Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen oder Lesungen machen. Der einheimische Künstler, auch wenn ihn niemand will, wird dadurch billiger für den Veranstalter. Was bei Promis natürlich nicht interessiert, aber Anfänger hart trifft.

Die Steigerung: Künstler A von links vom Rhein ist aber nun Deutscher. Gilt nicht. Ein ordentlicher Deutscher lebt nicht links vom Rhein und tritt frech rechts auf. Solche Individuen nennt man Ausländer. Ausländersteuer. So kommt es, dass der deutsche Künstler A von links vom Rhein teurer ist als der Kollege B von rechts vom Rhein, der ihn zu Fuß besuchen kann.
Nein, das ist aber noch nicht alles! Es könnte nämlich sein, dass Kollege B wirklich ein Ausländer ist. Wir sehen ja an Künstler A, dass man in Europa seinen Wohn- und Arbeitsplatz frei wählen darf. Weil das mit dem Nationalitätenkram angeblich kaum eine Rolle spielt, schon gar nicht in der Kunst.

Denkste. Nehmen wir an, Künstler A von links vom Rhein ist Deutscher, wohnt in Frankreich und tritt in Deutschland auf. Sein Kollege B ist ein in Deutschland lebender Franzose, der in Deutschland auftritt. Genau. Sie haben es erraten. Steuerlich ist der Deutsche ein Ausländer und der Franzose ein Deutscher. Tritt aber der Franzose in seinem Herkunftsland auf, ist er weiter Franzose und wird für seinen Wohnsitz nicht bestraft. Frankreich hält das Doppelbesteuerungsabkommen nämlich korrekt ein und zockt Ausländer nicht extra noch einmal ab. Auch nicht die eigenen.

Das war nur eine der Hürden, die Gina Grumbier zu nehmen hat. Beinahe hätte sie den Sabbel hingeschmissen, denn irgendwann ist auch die Energie eines Menschen mit Multijobverpflichtung aufgebraucht. Aber zum Glück hat sie in Strasbourg eine Künstlerberatung, die großzügig der französische Staat zahlt. Der will nämlich, dass Künstler arbeiten können und nicht auf Ämtern Däumchen drehen. Gestorben ist das "Theater", auf Deutsch würde man jetzt "szenische Lesung" dazu sagen; aber die Inhalte sind geblieben. Gina hat immer noch den falschen Pass im falschen Land und nimmt das als Inspiration für den Kampf mit dem genussfeindlichen Land, in das sie der Billigflieger entführt. Immerhin versteht man "Grumbier" links und rechts des Rheins - ein Wort, das sich nicht um Ländergrenzen schert.

Und trotz aller Hürden, nationalen Abstrusitäten und europäischen Wahnsinnsvergaloppierungen wird sie auftreten! Fest vormerken kann man sich schon einmal den Juni 2009 im zauberhaften Tabakschuppen des Galand, der Galerie auf dem Land in Kehl-Odelshofen. Genauer Termin folgt im neuen Jahr. Die Außenminister sind herzlich eingeladen.

13. Dezember 2008

Auf Dostojewskijs Spuren

Einen Ausgehtipp habe ich für Theater- und Literaturfreunde im Badischen, genauer gesagt in Baden-Baden. In der Stadt, in der sich einst die großen russischen Schriftsteller die Klinke in die Hand gaben, kann man auf Dostojewskis Spuren bis hinein ins Casino wandeln.

4. Dezember 2008

Weihnachtseinkäufe im Elsass

Von draus vom Einkaufen komm' ich her,
ich muss euch sagen, es schmerzet mich sehr.
Ungefähr so möchte ich den "Einkaufsspaß" in einem bereits weihnachtlich befüllten französischen Supermarkt auf den Punkt bringen.

Schmerz 1: die Preise
Es ist erstaunlich, wie viele völlig selbstverständliche Lebensmittel man sich in Frankreich nicht mehr leisten kann mit einem Durchschnittsverdienst. Die Preise scheinen wöchentlich zu steigen, manchmal hat man den Eindruck, sie sind umgekehrt proportional an fallende Börsenkurse gebunden, denn eine Erklärung gibt es nicht. Es ist fatal, denn die Einkommen in Frankreich sind niedriger, die Steuern inzwischen fast genauso hoch wie in Deutschland. Die Verteuerung wegen des Ölpreises wird natürlich auch nicht mehr zurückgenommen.

Kurzum: Jeder, der im Elsass ein Auto hat und Zeit, flüchtet nach Deutschland, um den Kühlschrank zu füllen. Ich schrieb es bereits - dort wird man für einen stinknormalen Lebensmitteleinkauf (nichts Überkandideltes) nur etwa ein Drittel des Geldes los und hat frischere und qualitätsreichere Ware im Wagen (s.u.). In Innerfrankreich geht ohne Schwarzarbeit und Schwarzhandel eigentlich nichts mehr, in vielen Regionen sind die Leute bitter arm. Wer Familie hat und z.B. arbeiten beide als Gymnasiallehrer, dann können die schon nicht mehr im Elsass in ein Restaurant gehen. Nicht mehr zu bezahlen, denn die Touristen haben einst die Preise ins Unermessliche getrieben...

Einkauf. Kleines Beispiel Fleisch: Noch vor einem Jahr konnte man durchaus feine große Lammkoteletts zu 9,80 E / kg bekommen. Lamm, einst selbstverständlich im Land, gehört aber nun schon seit Monaten zu den teureren Sorten Fleisch. Einer der weniger teuren Supermärkte hatte heute Lammkoteletts von sehr schlechter Qualität im Sonderangebot: knapp 19 E / kg. Desgleichen habe ich mich gewundert, warum eine deutsche Freundin so oft und gern Leber isst. Auch ich liebe Leber - aber in Frankreich ist das ein Luxusessen! Ab 24 E das Kilo. Als ich zum ersten Mal in der Pfalz das "Armleuteessen" Leberknödel sah, bin ich aus allen Wolken gefallen. Knapp 10 E sollte man pro Kilo rechnen, wenn man ein auch nur annähernd ordentliches Fleisch haben will, das ist dann meist Schwein oder Huhn.

Das ist nur ein Beispiel von vielen, um zu zeigen, dass Weihnachten auf dem Teller in diesem Jahr extrem teuer wird. Kommt dazu, dass sich jetzt auch in Frankreich die Überfischung der Meere rächt. Der Raubbau an der Natur zeigt sich in eingeschränkterem Angebot, schlechterer Ware und explodierenden Preisen. Trotzdem bekommt man den Fisch natürlich fangfrischer als in Deutschland, die Ware wird ja noch am selben Tag über Rungis verteilt. Und er ist doch noch billiger als das Fleisch, man kann durchaus Krevetten statt Lamm essen. Was Muscheln und Meeresfrüchte betrifft, so sollte man über aktuelle Tankerunglücke und ähnliche Verschmutzungen informiert sein.

Käse lohnt sich ebenfalls noch, falls man eine Verkäuferin bequemen kann, ihn frisch aufzuschneiden, obwohl er seit Tagen abgepackt in der Plastikfolie schmort. Der absolute Tod für Weichkäse wie Munster, aber Profit statt Gourmet ist auch in Frankreich Trend. Und dann gibt es tatsächlich mal ein Produkt, das billiger wird: Kaffee. Meiner Meinung nach in sehr viel mehr und besseren Sorten zu haben (wenn man wie ich lieber Arabica und Espressosorten trinkt). Und heute gab's den teuersten italienischen für 2,50 E / 250 g.

Und da sind wir schon bei

Schmerz 2: die Qualität

Die Grande Nation der grande cuisine ist inzwischen zum Fast-Food-Country with convenience food geworden. Man beachte den Sprachwechsel. Es gibt eigentlich nichts, was es nicht schon fertig gibt. Vor allem bei Fisch und Fleisch hat man herausgefunden, dass man fehlende Frische mit allerhand Gewürzlaken oder unter Panade verstecken kann. Nur Vorsicht, wenn es sich nicht gerade um Grillware im Sommer, das traditionelle Cordon Bleue oder eingelegtes Wild handelt, dann liegt das schön geschminkte Zeug noch länger als die ungewürzten Stücke, die zusehends eine Patina ansetzen, wie ich sie nur Anfang der Neunziger in Polen kennenlernte. Klar, immer weniger Leute können Fleisch kaufen.

Es gibt in diesem Land nichts, was es nicht fertig gibt, die Leute baden regelrecht in künstlichen Aromastoffen, künstlichen Konservierungs- und Verdickungsmitteln und Glutamat. Eine französische Speisekarte liest sich inzwischen wie eine Ode auf E 605, wenn man das Kleingedruckte betrachtet. Frische Küche war mal, ist vielleicht noch auf dem Land, wo man selbst anbaut. Ansonsten regiert die Mikrowelle und traditionelle Rezepte beherrscht fast niemand mehr. Gemüse kommt fast ausschließlich aus Spanien und wie übel das angebaut und gespritzt wird, wissen wir ja. Die Zahl der privaten Gemüsegärten wächst wieder, die der Hasen- und Hühnerzüchter auch.

Als ich vor fast 20 Jahren ins Elsass kam, war es ein Hochgenuss, wenn man sich an Weihnachten die "Bredeleteller" austauschte. Jede Familie hatte ihre über Generationen vererbten Geheimrezepte für Kekse, man buk mit Hingabe. Die Elsässerin von heute kauft fertigen "Bredeleteig", eingeschweißt in Plastik, im Kühlregal zu finden. Offensichtlich ist es sogar zu viel geworden, Mehl, Eier, Butter und Zucker in der Maschine zu mixen. Natürlich braucht die Masse entsprechende Chemie, damit sie frisch bleibt. Und wie praktisch - Zimt und Anis kann man durch Aromen aus der Industrie ersetzen, wozu noch herkömmliche Gewürze nehmen. Es ist inzwischen ein offenes Geheimnis, dass französische Kinder Natur - etwa frische Erdbeeren - nicht mehr schmecken können. Die Sterneköche der Zukunft haben ihre Zungen längst abgetötet.

Weihnachten in Frankreich ist denn auch das Fest der Standards und des Nichtkochens. Allerdings muss man den Frauen zugute halten, die ja genau so hart arbeiten wie die Männer, dass man bei einem extrem familienzentrierten Fest mit mindestens vier Gängen à la minute nicht auch noch Stunden in der Küche stehen kann. So gibt es alles schon fertig oder man lässt es sich vom Traiteur bereiten und wärmt einfach auf. Selbst der kleine Laden im Dorf bietet von der Vorspeise bis zum Dessert alles auf Bestellung an.

Ein paar Wochen vor Weihnachten liegen die "Speisekarten" aus, man bestellt und holt dann zum Festtag ab. Ähnlich beim Bäcker, der dann die Zutaten für den Apéritif liefert, wie z.B. Pain Surprise oder salzige Kugelhopf. Die berühmte Buche de Noel, das traditionelle Weihnachtsdessert in Form eines Holzscheits, ist dann entweder aus Eis oder Biskuit ebenfalls beim Bäcker zu bestellen. Touristen aufgepasst: Die meisten Bestellungen müssen eine Woche vor dem Fest eingegangen sein, spontan wird man nichts im Laden finden!

Ich werde das Ganze finanziell überleben. Nicht nur, weil ich gar kein Weihnachten feiere. Als Landei werde ich mir beim hiesigen Bauern eine von den (nicht gestopften) Gänsen bestellen, an denen ich jeden Tag vorbeilaufe, und die sich jedes Mal einen Spaß daraus machen, meinen Hund zu jagen (der grinst, ist ja ein Zaun dazwischen). Die bereite ich dann wie meine Oma ganz einfach auf polnisch zu. Denn die Foie Gras meiner Freunde und Bekannten kommt mir nicht nur zu den Ohren heraus, sondern schon zu den Augen. Aber auch das ist Frankreich: Sie abzulehnen, ist einer der schlimmsten Faux pas, die man sich leisten kann. Man muss schon eine lebensbedrohliche Allergie haben, um eine Gänsestopfleber an einem Festessen oder bei einer Einladung zurückzuweisen.

Nachsatz:
Wer eine dicke Börse hat, findet natürlich auch weiterhin in den Edelläden das Feinste vom Feinsten, aber da muss man dann auch schon nach Strasbourg fahren.

20. November 2008

Badisch mit Grumbiere

Gina Grumbier probiert jetzt ebbs, damit ihr wisst, wie se klingt:
Grumbiere net newe di Zwiwwle!

13. November 2008

Moderne Kunst in Straßburg

Etwas abseits vom allbekannten Klischee gemalter Störche und Fachwerkkitschs blüht im Elsass zunehmend die zeitgenössische Kunst. Sieht man sich die Landkarte der Einrichtungen an, konzentriert sich das allerdings ganz stark auf das Zentrum Strasbourg / Straßburg und das Südelsass (Departement Haut-Rhin). Völlige Leere gähnt nördlich von Strasbourg an der deutschen Grenze entlang, über Hagenau und Wissembourg / Weißenburg.

Schmerzlich erfahre ich das im täglichen Leben. Wo man Künstler als "Ziginer" behandelt und es noch Bürgermeister gibt, die glauben, culture sei eine Sonderform von agriculture, kann Kunst kaum wachsen. Wer also im Nordwesten des Elsass künstlerisch interessiert ist, flieht ins Badische und in die Pfalz, Baden-Baden und Karlsruhe mit ihren Museen sind ja nicht weit.

Ich möchte Ihnen hier die Einrichtungen (alphabetisch) für zeitgenössische Kunst im Elsass zusammenstellen und beginne im ersten Teil mit der von Kunst sprühenden Stadt Strasbourg. Das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst ist inzwischen weltweit bekannt, doch die anderen Perlen verstecken sich gern.

APPOLLONIA
12 rue du Faubourg de Pierre
Europäische Kooperationsplattform für visuelle Kunst zur Förderung europäischen Kunstschaffens. Gastaufenthalte für Künstler und Kunstkritiker. Ausstellungen, Vorträge. Besichtigung nach Vereinbarung.

CEAAC (Centre Européen d'Actions Artistiques Contemporaines)
7, rue Abreuvoir
Kunstverein mit Besichtigung nach Vereinbarung, Stipendien, Gastaufenthalte. Kunstinstallationen in der Natur, Unterstützung regionaler Künstler.
Hier bekommen Sie auch Infos über die "Straße der zeitgenössischen Kunst" (Route de l'Art contemporain en Alsace), auf der Sie eine Entdeckungsreise zu 30 öffentlichen Auftragswerken starten können.

LA CHAMBRE
27, rue Sainte Madeleine
Vereinigung mit eigener Galerie für anspruchsvolle Fotografie und alle Projekte rund um künstlerische Fotografie. Besichtigung nach Vereinbarung.

LA CHAUFERIE (Galerie der Hochschule für dekorative Künste)
5, rue de la Manufacture des Tabacs
Interdisziplinäre Ausstellungen, die Identität und Grenzen zwischen den Disziplinen hinterfragen oder auflösen. Freier Eintritt.

MAMCS (Musée d'Art Moderne et Contemporain)
1, place Hans Jean Arp
DAS Museum für moderne und zeitgenössische Kunst mit Wechselausstellungen, einem Schwerpunkt Grafik und Fotokunst, Dauerausstellung, Veranstaltungen, Bibliothek, Buchladen und Café. Das Gebäude von Adrien Fainsilber ist selbst ein Kunstwerk.

STIMULTANIA
33, rue Kageneck
Stimulation: Fotografie und Musik. Konfrontation: Ort der Forschung, sechs Ausstellungen pro Jahr und zweimal monatlich ein "Apéritif-Konzert", Brunch-Debatten. Eintritt außer für Konzerte frei.

SYNDICAT POTENTIEL
13, rue des Couples
Künstlervereinigung, die besonders avantgardistische und ungewöhnliche Projekte fördert und neue Zusammenhänge für Kunst sucht. Experimente mit Sponsoring oder Lohnarbeit für Künstler. Ausstellung und Veranstaltungen. Eintritt frei.

Gefallen Ihnen die Tipps jenseits der Touristenprospekte? Hinterlassen Sie doch einen Kommentar, ob Sie mehr davon wünschen!
Beim nächsten Mal werde ich Sie mit den Zentren für zeitgenössische Kunst im restlichen Elsass bekannt machen.

Da in vielen Zentren Künstler arbeiten und ihre Freiräume brauchen, hat man sich auf Besuche nach Vereinbarung konzentriert. Sie können das telefonisch oder per Mail machen, durch Anklicken der Namen kommen Sie auf die entsprechenden Websites.

30. Oktober 2008

Emmaus-Mania

In meinem Bekanntenkreis und überhaupt in der Region gehört es längst zur Kultur und ist schon Manie: Der Kreislauf von Emmaus. Ich kenne kaum jemanden, der es noch nicht genutzt hat, sich nicht engagiert. Aber was ist das eigentlich?

Emmaus wurde als karitative Bewegung von Abbé Pierre in Frankreich gegründet, um den Menschen zu helfen, denen kaum noch jemand hilft. Inzwischen haben sich die Aufgabengebiete erweitert und modernisiert, die Laien-"Bruder"schaft (inklusive Frauen) arbeitet heute weltweit in 36 Ländern. Und das nach folgenden vier Wertmaßstäben:
  • Sich ohne Vorbehalt dem anderen öffnen
  • Sich für die Würde des freien Menschen einsetzen
  • Solidarisch handeln
  • Durch Worte und Taten Bewusstsein schaffen
Praktisch sieht das so aus, dass sich Emmaus um die Ärmsten der Armen, Obdachlose und Rechtlose kümmert. Menschen, die die Gesellschaft aus welchen Gründen auch immer ausgeschlossen hat, sollen wieder einen Weg in die Gesellschaft finden. Und weil die Würde des Menschen so wichtig ist, geschieht diese Hilfe durch aktive Selbsthilfe.

Es gibt die Emmaus-Depots, im Elsass z.B. in Hagenau, Saverne und Straßburg. So einfach kann ich helfen:

  • Ich spende dort, was ich selbst nicht mehr brauche - und zwar alles, von gebrauchter Kleidung über Tassen, Teller, Einrichtungsgegenstände, ausgelesene Bücher, bis hin zu alten Waschbecken oder Türen etc. Emmaus macht auch Haushaltsentrümpelungen und holt große Mengen oder Möbel von zu Hause ab. Anruf beim nächstgelegenen Depot genügt.
  • Ich bringe recyclebaren Müll (und nur den!) zum Mülldepot von Emmaus. Hagenau nimmt jetzt auch Laserdrucker-Kartuschen und Elektronikschrott.
  • Ich kaufe im Depot von Emmaus ein - ein riesiges "Flohmarkt"vergnügen, wo ich sehr preiswert das erstehen kann, was andere Leute nicht mehr brauchen.
Und so funktioniert der Kreislauf:

Die sogenannten "compagnons", die bei Emmaus Hilfe suchen, bekommen Unterkunft und verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit in den Depots. Sie arbeiten in der Müllverarbeitung. Sie finden Einfachstarbeiten, wie z.B. beim Reinigen der gespendeten Ware, um wieder in den Arbeitsprozess zu finden. Sie reparieren in eigenen Werkstätten Geräte oder setzen aus Teilen verschiedener Gegenstände einen neuen zusammen. Sie arbeiten im Verkauf und in der Warenausgabe in den Depots. All diese Jobs sind an Programme des französischen Staates zur Wiedereingliederung angeschlossen. Ziel ist es, über die drei Faktoren Ernährung, Wohnen und Arbeiten wieder in ein Leben zurückzufinden, das man sich selbst finanzieren kann.

Gleichzeitig sind die Depots von Emmaus zu einer wichtigen Versorgungquelle armer Menschen in der Region geworden. Hier kaufen nicht nur Flohmarktfans und Antiquitätenhändler ein, hier versorgen sich kinderreiche Familien mit billiger Kleidung, suchen sich alleinerziehende Mütter Spielzeug und Hausrat zusammen. Billiges Einkaufen, ohne dass man sich für seine Armut schämen muss.

Wenn ich bei Emmaus einkaufe, fahre ich immer mit vollem Auto los. Ich finde irgendetwas, das den Compagnons Arbeit gibt und im Verkauf vielleicht jemand anderem Freude macht. Die Emmausleute möbeln Fahrräder auf, bringen alte Öfen wieder zum Laufen oder kombinieren aus einem Lampenschirm und einem Lampenfuß eine neue Lampe.

Das ist das Schöne an der Sache - auch wenn ich selbst kaum Geld habe, kann ich helfen. Und wenn ich dort etwas kaufe, habe ich selbst Freude daran. Mit Freunden machen wir uns manchmal dort einen schönen Tag. Es ist herrlich, herumzukramen. Ein Kaufrausch ist auch nicht teuer. Da fand ich gestern nicht nur mein Theaterkostüm, sondern auch einen geschnitzten Bilderrahmen um 1930, handgefertigte alte Hohlsaumdeckchen, einen Winterblazer aus Wolle mit Kaschmir, altes Badonviller-Geschirr für meine Rosen-Sammlung um 1920...

Wer Lust bekommen hat: Am 1. November veranstaltet das Emmaus-Depot Hagenau (hinter dem Flugplatz und der Dechetterie) einen Sonderverkauf - alle Preise sind noch einmal stark herabgesetzt! Und wenn Sie losfahren, überlegen Sie doch, was Sie schon immer entrümpeln wollten. Die Nachttischlampe nicht mehr schick genug? Ein Stapel Bücher im Weg? Der Kleiderschrank zu voll? Hauptsache, in gutem Zustand. So halten Sie den Kreislauf am Leben...

29. Oktober 2008

Gina Grumbier lebt!

In der abgefahrendsten Klamotte, die mir im Traum nicht eingefallen wäre...

Ich hatte furchtbare Probleme, die Figur der Gina Grumbier so leben zu lassen, dass der Text entsteht. Manchmal behindert einen die totale Freiheit, denn sie hätte ja jeden Typ annehmen können. Aber was passt zu dem, was ich vorhabe? In welchem Typ fühle ich mich wohl?

Es gibt dann manchmal so komische Tage, an denen das Wetter sich grundlegend ändert oder ein Frosch an der falschen Stelle quakt. An solchen Tagen wache ich morgens auf und überliste das Schicksal. Heute war so ein Tag. Ich finde heute Gina Grumbiers Kostüm, das war mal sicher. Ich gehe jetzt und finde es, nahm ich mir vor. So bin ich dann zu Emmaus gefahren, weil ich ohnehin Lust auf Flohmarktstimmung hatte. Ich war ewig nicht mehr da, aber man findet immer irgendwelche seltsamen gebrauchten Klamotten.

Zuerst bin ich in die Möbelhalle und sehe ein Schild, das mir sagt, da hinten fände ein Sonderverkauf von Kleidung statt. Richtig edel haben sie die zwischen alte Schrankwände und Schränkchen drapiert. Eine Deutsche ruft ihrer Mutter zu: Du, guck mal, die verkaufen ja Theaterkostüme! Dachte ich zunächst auch. Denn die Sachen sahen vollkommen verrückt und dadurch schon wieder toll aus. Hatten aber alle den gleichen Stil, Theaterware konnte das nicht sein.

Und dann stehe ich vor einem Paravent und werde zu Gina Grumbier. Gesehen - gefunden! DAS muss ich haben, dringend! Bitte bitte, liebe Theatergötter, macht, dass dieses Ensemble passt! Zwischen zwei alten Schränken konnte man sich umziehen... Irgendwer musste das für mich genäht haben. Passt nicht nur, sondern gibt genug Bewegungsfreiheit zum Spielen. Sogar der Hut passt wie angegossen.

Gina Grumbier sieht jetzt aus wie eine Frau vom Lande, die 1920 in einer von Gitanes betriebenen Boutique eingekauft hat, um in Deauville groß einen draufzumachen. Das ist ein seltsames zweischichtiges Ensemble aus Unterrockstoff mit Spitze, in weiß... mit vollkommen verrückt angebrachten marineblauen Volants mit weißen Punkten. Dazu gehört ein Pariser Stück von altem dunkelblauen Filzhut, der gern ein Borsalino wäre, um den der gleiche getupfte Stoff gebunden werden kann. Sieht noch härter aus als es klingt. Und als ich den Preis für alles gesehen habe, bin ich fast umgefallen: Zwölf Euro. Mein knappes Künstlerbudget juchzte.

Ich war dann natürlich neugierig und wollte wissen, woher diese außergewöhnlichen Klamotten kamen. Das Emmaus hatte sich eine Gaudi einfallen lassen und eine Modenschau veranstaltet. Und da haben die Frauen aus gebrauchten Klamotten Fantasiekostüme geschneidert. Die wurden jetzt verkauft. Mit Schuhen, Handtaschen, Schals...

Abgeguckt haben sie das den großen Modeschöpfern in Paris, die neuerdings in Altkleidersäcken wühlen, um alte oder verrückte Stoffe zu finden und aus den aufgetrennten Teilen Neues zu kreieren. In Strasbourg gibt es sogar einen Laden, wo eine Modeschöpferin mit Gitane-Frauen eigene Kreationen auf diese Art näht. Ich muss die Adresse mal heraussuchen und schreibe auch später noch über unsere herrliche Subkultur: die Emmaus-Mania.

19. Oktober 2008

Lesung in Gaggenau

Ich möchte herzlich zu meiner letzten Lesung vor der Winterpause in diesem Jahr einladen!
Ich werde zum Auftaktstag der Aktion "Deutschland liest" auftreten am
Freitag, den 24. Oktober 2008, 20 Uhr
in der Bibliothek Gaggenau, Haus am Markt
(dort auch ab sofort Reservierung möglich unter stadtbibliothek at gaggenau Punkt de)

Lesen und erzählen möchte ich aus meinem literarischen Reisebuch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" (als Geschenkbuch im farbigen Schuber erschienen bei sanssouci im Hanser Verlag - und als Hörbuch in Geschenkaufmachung bei Gugis Hörbücher).

Der rührige Bibliothekar, Herr Freist, hat sich außerdem für diese elsässische Sinnesreise zwei Bonbons für Zunge und Ohr ausgedacht: Es wird etwas Elsässisches zum Schmecken geben. Und persönlich anwesend ist Christina Walz, die Verlegerin meines Hörbuchs. So frisch nach der Frankfurter Buchmesse kann sie sicher auch etwas über neue Perlen aus ihrem literarischen Hörbuchprogramm "Der Diwan" verraten.

So liest also bei "Deutschland liest" auch Frankreich über das Grenzgebiet - und ich denke, ich werde allerhand aktuelle Anekdoten zum Thema "Grenzgängerei und Genuss" beizusteuern haben. Beim Signieren besteht sicher Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch. Ich freue mich auf Sie!

11. Oktober 2008

Exitus

Nach kurzem, aber dreist-aufdringlichem Leben ist an diesem wunderschönen Spätsommertag Herr Rheinauer plötzlich verstorben. Um genauer zu sein, er ist mit einem großen, dumpfen Plopp einfach zu Konfetti explodiert.

Wie kommt es, dass einem plötzlich Figuren wegsterben, die man noch kurz zuvor für eminent wichtig hielt? Ich kann das nur für mich beantworten...
Herr Rheinauer spielte in der Tat eine tragende Rolle. Er war sozusagen Ginas Antagonist, der Typ, der ständig widerspricht, demontiert, hinterfragt - und sie vor allem vor neue Herausforderungen stellt. Dadurch hat Gina erst ihren Biss bekommen und weiß nun, worüber sie sich aufregen muss, woran ihr wirklich liegt. Das hat sie erstarken lassen - immer mehr Rolle riss die gute Frau an sich.

In diesem Stadium sind die Figuren, die man zuerst nur skizziert hat, lebendig geworden. Sie entwickeln ihr Eigenleben und wissen verdammt genau, was richtig ist. Ich habe gelernt, auf meine Figuren zu hören, weil ihre Intuition, ihr Gefühl für die Geschichte feiner ist als das meines kritischen Wachbewusstseins. Ich als Autorin habe dann zwei Möglichkeiten. Entweder lasse ich es auf einen Streit ankommen oder bringe sogar eine Figur vorsätzlich um. Manchmal kommt es dann zu einem lebendigen Kompromiss oder einer Auferstehung. Ich hatte sogar schon einmal eine Figur umgebracht, die dann einfach als jemand anders in einem anderen Roman reinkarnierte. Mir eine Nase drehte und "Ätsch" brüllte. So etwas passiert mir, wenn ich zu genau plane und gängele.

Oder ich höre auf meine Figur, was sich meist bewährt. Praktisch sieht das so aus, dass ich in Distanz zur Geschichte gehe. Ich analysiere: Was wollte ich mit dieser Figur? Warum habe ich sie geschaffen, welche Rolle spielt sie? Und dann überlege ich: Wenn Herr Rheinauer jetzt einfach platzt - was will er mir damit sagen? Was verändert sich, wenn er nicht mehr da ist? Bin ich traurig über seinen Tod? Will ich an ihm festhalten und warum? Und schließlich die Schlüsselfrage: Was weiß Herr Rheinauer über den Sinn seines Todes, was ich noch nicht weiß?

Der Mann ist genau im richtigen Moment verschieden. Er war ein wichtiger Katalysator, aber zu blass. Er hätte - durch die Doppelrolle - unnötig wichtige Energien verschlissen und jede Menge Zusatztricks verlangt. Er hätte das Thema zerschlissen. Die Gefahr, einen Streit zu inszenieren anstatt meine eigentliche Story, wurde immer größer.

Jetzt lastet alles auf Gina. Aber es reicht, dass sie erzählt, was ihr mit diesem Typen widerfahren ist. Rheinauer ist ein Platzhalter für das Sinnenfeindliche, Lebensfeindliche. Es kommt viel besser, wenn sie sich aufregt, lustig macht, darauf herumtrampelt - als wenn da einer nur "sagt" und behauptet. Das Stück gewinnt an Tempo, die Monologe werden rasanter. Der Rollenwechsel fällt flach, all das Gespiele drumherum - dafür rückt jetzt das Requisit in den Vordergrund, das die wahren Geschichten birgt: der Koffer. Und nicht zuletzt ist Gina dadurch lebenspraller, runder geworden, sie gewinnt an Charaktertiefe. Es wird auch für den Zuschauer einfacher werden, sich auf diese eine Figur einzulassen. Gefahr: Mit dieser Figur steht und fällt alles.

Na - und ich bin erlöst. Es fühlt sich an wie nur noch halb so viel Arbeit. Ist aber auch typisch für mich. Ich bastle immer zuerst ein Riesenfeuerwerk zusammen, das schon aufgrund seiner wirren Verkabelung unmöglich hochgehen kann. Und dann miste ich erst mal aus und baue aus den Fetzen eine fette Rakete...

Danke, Herr Rheinauer. Danke für das herrliche Konfetti!

8. Oktober 2008

Fragestunde

Besucher kommen immer wieder durch Suchmaschinenanfragen in meine Kolumne, finden aber nicht unbedingt die Antworten. Ein paar gibt's nachträglich, subjektiv ausgewählt und ebenso subjektiv beantwortet - ich bin ja kein Reisebüro:

sauerkrauthobel

Bekommt man in Haushaltswarengeschäften in den Städten (z.B. Haguenau, Wissembourg, Strasbourg), aber meist billiger und besser auf den Krimskramsmärkten im Land, die meist im Herbst stattfinden und sich "johrmärik" nennen. Tief drinnen im Land gibt es die gleiche Vielfalt auf dem üblichen Wochenmarkt. Die Fremdenverkehrsbüros haben oft Listen der Märkte mit Ort und Datum. Übrigens: Die typischen Salzglasurtöpfe, um das Sauerkraut einzumachen, werden im Töpferdorf Betschdorf hergestellt und verkauft.

einkaufen in hagenau / buchhandlungen

Einzelhandel natürlich in der Innenstadt entlang der Grand Rue, wo die Boutiquen aufgrund der hohen Mieten oft schneller wechseln als man schauen kann. Es gibt einige, die man auch aus Deutschland kennt, insgesamt sind Niveau und Chic gestiegen. Haguenau hat zwei Buchhandlungen nah beieinander am Ende der Grand Rue Richtung Kirche - das Maison de la Presse, modern, mit Presse und Schreibwaren - und einen kleinen privaten Buchladen mit Bücherstapeln und vollgestopften Regalen wie im Märchenfilm. Außerdem hat Haguenau zwei dieser üblichen schauderhaft hübschen Viertel von Einkaufszentren. Eines liegt im Stadtteil Schweighouse (mit Auchan), das andere Richtung Bischwiller (mit Cora). Wer es mondäner will oder in Buchläden ertrinken, fährt nach Strasbourg.

strasbourg koscheres geschäft

Wenn ich mich recht entsinne, gab es einen kleinen Supermarkt in der Nähe des Gerichts (tribunal) und kürzlich bin ich an einem Geschäft vorbei, das gerade zugemacht hatte. Solche Spezialläden wechseln oft die Adresse, auch in Strasbourg hat es der kleine Einzelhandel immer schwerer. Ich empfehle deshalb einen Blick ins Branchenbuch, einen Spaziergang im jüdischen Viertel oder einen Blick ins Strassbuch, das überhaupt der beste Leitfaden ist, um Strasbourg jenseits des Massentourismus zu entdecken. Weil es von Studenten geschrieben wird, findet man auch viele preiswerte Ideen. Obwohl es eine virtuelle Ausgabe gibt: Die gedruckte ist ausführlicher und genauer - und in jedem Buchladen zu haben. In der Online-Ausgabe findet sich nur ein koscheres Restaurant.

Schreibweisen:

Nicht immer ist das mit den Suchmaschinen praktisch. Da kann man ja Straßburg, Strassburg oder Strasbourg eingeben. Ich persönlich benutze die einheimische Schreibweise, die man auch auf den Straßenschildern sieht. Denn bei manchen Orten erkennt man als Autofahrer nicht sofort den Ort, den man vielleicht in der deutschen Schule gelernt hat, z.B. ist Weißenburg schlicht Wissembourg. Dafür ist bei mir auch München nicht Munich.

Gina Grumbiers heimliche Angst

Gina Grumbier hat Angst. Ihr Nachname, so fürchtet sie, könnte in den Leuten das Bild einer aufgedunsenen Kabarettnudel heraufbeschwören, die mit Kittelschürzencharme, Dialekt und Witzle aus der Küch' nur so um sich wirft.

Ich gebe zu, ich war bereits versucht, ihr eine wirklich schrille Kittelschürze aus einem dieser elsässischen Kruschtelläden mitzubringen, in denen die Bauersfrau Kurzwaren und riesige Büstenhalter, gehäkelte Lurexpullis und wollene Nachthemden besorgt. Aber wir machen ja kein Kabarett und Gina ist eine, die genießt und Klassiker liest.

Um sie zu beruhigen, habe ich das gemacht, was man "Umfeldrecherche" nennt. Man kann Gugl so herrlich über jeden ausfragen, auch über Leute, die es gar nicht gibt. Schlägt mir doch die gehupfte Suchmaschine vor, die Gina schreibe sich eigentlich "Grumpier". Und sei sogar schon in einem Film aus Hollywood aufgetreten! Hä? Haben wir da ein paar Produzenten übersprungen?

Nein, Suchmaschinen sind doof, können nicht schreiben. Gemeint war der Film "Grumpier old men", der in Deutschland unter dem ultrakurzen, einprägsamen Titel lief: "Der dritte Frühling. Freunde, Feinde, Fisch und Frauen". Na - und in dem spiele eine Gina mit. Die heißt aber Lollobrigida. Behauptete jedenfalls Gugl. Suchmaschinen sind ja ach so doof! Die Gina war nämlich eigentlich die Sophia, Loren mit Nachnamen. Klar, wenn man im Silicon Valley hockt, kann man solche Feinheiten aus Hollywood schon mal verwechseln. Sind schließlich Ausländerinnen, die Damen, wie meine Gina.

Gina Grumbier jedenfalls ist glücklich. In Zukunft wird sie wenigstens virtuell gleich mit zwei italienischen Schönheiten verwechselt werden. Aber eines ist jetzt eindeutig klar: Mit den verschrumpelten ollen Kartoffeln waren Männer gemeint - feine Beilage zu Fisch mit Fahrrad.

Versprochen: Wir beide, Gina Nicht-Lollobrigida-Nicht-Loren-Grumbier und ich, werden garantiert einen weniger idiotischen Titel finden!

Anmerkung der Autorin: An diesem Text kann man lernen, wie man Online-Texte so schreibt, dass robots gierig zusammengeifern, was nicht zusammen gehört. Werbeleute schaffen so sogar ihr Wortumfeld... *pschttt*

Grumbier, Grumbeer, Erdapfel oder Kartoffel: Elsass

Nun aber endlich zum versprochenen Kartoffelrezept!

Es stammt als Leseprobe aus dem Buch von mir, also
Petra van Cronenburg: Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt, mit freundl. Genehmigung des Hanser Verlags. Das Rezept aus den Vogesen schmeckt am besten, wenn man einen Munsterkäse aus Rohmilch findet. Was in Deutschland in Supermärkten als "Munster" verkauft wird, spottet als Fabrikware leider jedem Original. Wer mehr wissen will über die Eigenschaften und Eigenheiten des Munsters (Rotschimmelweichkäse) und warum es eine katholische und eine evangelische Sorte gibt (beide mit AOC-Label), erfährt das im gleichnamigen Buch im Kapitel "Munster und Welschland".

KARTOFFELGRATIN MIT MUNSTER

1 kg fest kochende Pellkartoffeln
3 Schalotten oder -2 Zwiebeln
etwas Öl und Butter
Salz und Pfeffer
Muskatnuss
Quendelblüte (oder Thymian)
1 Munsterkäse (ca. 400-450 g)

Die Kartoffeln kochen und in Scheiben schneiden. Zwiebeln oder Schalotten schälen und hacken. Im Fett glasig dünsten. Eine ofenfeste Form einfetten und Kartoffelscheiben und Zwiebeln hineinschichten und würzen. Den Käse in Scheiben schneiden und die Kartoffeln damit belegen. Im vorgeheizten Backofen bei 180 Grad C etwa 30 min. überbacken. Dazu rohen Schinken in Scheiben und grünen Salat servieren.

Herr Rheinauer mit seinen Perversdiäten würde sich natürlich entsetzt vom Fettgehalt abwenden, aber dieser Kartoffelgratin ist ein Herbst- und Winteressen aus den Bergen, wo man sich entsprechend in frischer Luft bewegt. Die Zutaten sind noch heute bei den Bauern direkt zu kaufen. So konnte man sich - durch den Schnee abgeschnitten von der Außenwelt - mit den nötigen Kalorien, Vitaminen und Nährstoffen versorgen. Und wir wissen doch alle: Fett ist ein Geschmacksträger!

Die berühmten "Roigabrageldi"(auch "Roigebradeldi") möchte ich allerdings nicht dem modernen Stubenhocker empfehlen. Um dieses einfache, aber gehaltvolle Gericht zu verdauen, braucht's nicht nur einige selbstgebrannte Schnäpse, sondern auch eine Runde Holzhacken.
Zubereitet werden die Roigabrageldi fast wie der Gratin, aber diesmal ist das Geheimnis die gute Butter, die man durch nichts anderes ersetzen sollte. Mein Tipp: Entweder richtig machen oder ganz sein lassen. Jeder Kompromiss verdirbt hier den Geschmack. Ein Rezept aus meinem "Privatschatz" lautet so:

ROIGABRAGELDI

1,5 kg Kartoffeln (wie oben zubereitet)
250 g Butter (!)
3 Zwiebeln
etwas Sonnenblumenöl
Salz und ein Glas trockener Weißwein

Die Zwiebeln werden im Öl glasig gebraten. Dann fettet man eine Steingutform und füllt immer abwechselnd eine Schicht Zwiebeln und eine Schicht Kartoffelscheiben ein. Drückt gut an und gibt jedes Mal auf die Zwiebelschicht tüchtig Butterflocken. Ganz obenauf kommen Kartoffeln und Butterflocken. Etwa anderthalb Stunden bei mittlerer Hitze im Ofen schmoren. Den Wein gibt man erst kurz vor dem Servieren zu und rührt dann noch einmal tüchtig um! Serviert werden die Roigabrageldi, die zwar "Bratkartoffeln" heißen, aber gar nicht gebraten werden, mit Räucherfleisch und grünem Salat. Den gleichen Weißwein trinkt man dazu. Ich empfehle einen Elsässer Riesling oder Auxerrois und für die, die es sanfter mögen, einen Sylvaner.

Und zur Verdauung lohnt es sich, einmal die heimischen Beeren und andere Zutaten im Eau de Vie zu entdecken. Mein Favorit und typische Vogesenerinnerung ist der Alisier, der aus einer wilden Frucht ähnlich der Vogelbeere gebrannt wird. Er schmeckt sanfter, runder und aromatischer als der Vogelbeerenschnaps, auch seine Bittermandelnote ist weicher. Aber er ist seltener, weil immer weniger Pflücker Lust haben, zu den Bäumen auf Felsen zu klettern. Den Vogelbeerenschnaps nennt man hier Sorbier - ihn lernte ich auch in der Wodkaversion in Polen kennen.

Wer Appetit aufs Elsass bekommen hat, den lade ich herzlich zu meiner Lesung am 24.10. in der Stadtbibliothek von Gaggenau (zwischen Rastatt und Baden-Baden) im Haus am Markt um 20 Uhr ein. Ich werde natürlich auch übers Elsass plaudern und sicher anschließend beim Signieren für ein persönliches Gespräch zur Verfügung stehen. Und ich verrate schon mal ganz leise, dass meine Verlegerin des gleichnamigen Hörbuchs wahrscheinlich auch da sein wird.

Ausflugstipps zum Thema:
  • Museum des Eau de vie in Lapoutroie
  • Welschlandmuseum in Fréland mit welschen Spezialitäten im Restaurant
  • Fest der Bruderschaft des Munsters (Confrérie Saint-Gregoire du Taste-Fromage) am Wochenende nach dem 3. September in Munster
  • Transhumance / Almabtrieb im Munsterland um den Michaelstag, 29.9.
  • Frischen Munster in allen Reifegraden kauft man in den Vogesen bei den Bergbauern - der Direktverkauf ist auf Schildern an den Straßen angeschrieben.

4. Oktober 2008

Koffergeschichten

So, Gina Grumbier hat jetzt endlich ihren Koffer! Er ist das wichtigste Requisit, weil sie darin all ihre Texte verstecken wird. Sie hat nämlich vor, dem Herrn Rheinacher harte literarische Zeugenaussagen um die Ohren zu knallen, wegen seiner perversen Diäten und esoterischen Ernährungsmythen.

Eine schöne Krankendiät hat sie bei Thackeray im "Jahrmarkt der Eitelkeit" gefunden:
"Da Joseph Sedley sehr krank war, begnügte er sich mit einer Flasche Rotwein, abgesehen von seinem Madeira beim Mittagessen. Außerdem führte er sich einige Teller voll Erdbeeren mit Sahne sowie vierundzwanzig Biskuitküchlein..."
Insgeheim freut sie sich schon auf die Mäkeleien eines Herrn Gogol, der dann seinen Figuren den Wanst voll schlägt, auf die prallen Beobachtungen eines Jean Paul oder Hans Sachs ... Aber verraten wir nicht zu viel.

DER Koffer ist also da. Madame Autorin, die schon über Auktionen hing, kam endlich auf die glorreiche Idee, in den Keller zu gehen. Da gibt es eine Ecke, in der Mrs Munster immer diese Filmspinnweben verteilt, damit man nicht sieht, dass da einige Umzugskisten aus Polen bis heute noch nicht ausgepackt sind. Da lag er dann. Ein uralter Emigrantenkoffer aus Holz, Marke Zwischendeck, aber Handwerkskunst im Kistenbau und irgendwann einmal brandgeflämmt worden.

Im Moment mieft er draußen vor der Tür aus, denn ich will sicher gehen, dass auch der letzte Holzwurm entweder aus dem letzten Jahrhundert stammte oder an meiner Petroleumeinreibung verreckt ist. Ich kann es kaum erwarten, bis das Zeug verdampft und eingezogen ist. Dann wird das Ding nämlich auftrittsfein gemacht. Gina plädiert für eine uralte Rosentapete innen. Und für außen freut sie sich auf einen nachgemachten Aufkleber der White Star Line. Ob es zu viel würde, die Titanic gleich daneben abzubilden, fragt sie mich.

Aber ich bin bereits beschäftigt und suche nach alten Kofferaufklebern, die man in Sammlerkreisen Hoteletiketten oder luggage labels nennt. Zum ersten Mal habe ich sowas gesehen, als ich als kleines Kind eine uralte Gouvernante kennenlernte, die mir ihre Schiffspapiere von der S.S. Milwaukee zeigte, mit der sie in den USA geschippert war. Da hatte man noch diese riesigen Schrankkoffer dabei, mit den großen Beschlägen und massiven Holzleisten. Es war die große goldene Zeit des Reisens zwischen 1900 und 1930. Und im Internet habe ich dann aus dieser Zeit die schönsten Koffergeschichten gefunden!

3. Oktober 2008

Titel, Kostüme und ein Verdrängungswettbewerb

Gestern habe ich die Website-Texte für den Abend mit Gina entworfen und dabei nette Fotos aus meiner schlimmsten Vergangenheit gefunden, also der Zeit, als ich etwa fünf war und schon nicht mehr auf meine Eltern gehört habe. Dumm nur, dass das beste Foto lediglich in meinem Kopf existiert - es gibt davon aber einen uralten Super-8-Film. Ich habe da vor einem vollen Saal mit Erwachsenen so getan, als sei ich Pianistin, zum Glück gab's damals noch keinen Ton. Aber die Bewegungen sind beachtlich.

Aus Mangel am Klavier wollte ich dann Schriftstellerin werden (Beweisfoto) und komische Sachen vor Leuten spielen (Beweisfotos). Ich bin z.B. Tänzerin und erinnere mich noch genau, wie mich dieses goldene Geschenkband in meinem raspelkurzen Haar verzaubert hat, das tatsächlich zu können. Was soll ich sagen... goldene Bänder im Haar waren fortan nur an Fasching erlaubt und ich wurde zum dirndltragenden braven Mädchen in weißen Kniestrümpfen gedrillt. Aber man kann ja nicht ewig spielen, was man nicht ist...

Gestern suchte ich dann also nach den goldenen Zauberbändern, sprich, prüfte in einem online-Auktionshaus, wie die Chancen für Kostüm und Requisite stehen. Irre. Umwerfend. Es gibt nichts, was es nicht gibt! Herr Rheinacher, wenn denn Budget da wäre, könnte sich sofort eine DDR-Zolluniform eines ziemlich hohen Tiers komplett mit Orden ersteigern. Ich habe ihm aber gleich gesagt, eine militärisch aussehende Mütze tut's auch und notfalls bekommt er eine für Kapitäne für 9,90 Euro.

Aber da hat sich Gina schon wieder reingedrängt. Die Dame sammelt gerade ihre Texte und flüsterte bei Durchsicht eines Kostümverleihs: Und was, wenn ich einen auf Diva aus den Zwanzigern mache? - Eine Diva mit altem Koffer??? Ich persönlich hätte ja vielleicht Spaß an dem Fummel und mit der ellenlangen Zigarettenspitze ließe sich gut auf Herrn Rheinacher losgehen... aber Mist, der bin ich ja selbst. Das ist wie mit der Doppelrolle im Zeitreisefilm: Man kann nicht gleichzeitig neben sich stehen.

Jedenfalls werde ich wieder Kind. Es macht einen Höllenspaß, sich auszudenken, was denn die Gina für eine sein wird. Und fühlt sich haargenau so an wie damals mit meinen beiden besten Freundinnen... Wir waren gerade in die Schule gekommen, ich hatte also besonders weiße Kniestrümpfe. Und eine meiner Freundinnen hatte eine Mutter, die nicht immer da war, und einen riesigen alten Dachboden mit alten Truhen und Kisten. Da gab es einen Zauberkoffer mit alten Frauenkleidern, Schuhen und Schmuck.

Zum Glück war das Haus abgelegen wie Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt. So hat meine Mutter nie mit ansehen müssen, wie ihre Tochter mit übergestreiftem Erwachsenenkleid, übergroßen Pumps und pfundweis Schmuck neben zwei ähnlich schrillen und überschminkten Minigestalten von weit draußen in die Stadt rein wackelte. Irgendwelche doofen Erwachsenen haben uns dann heimgebracht und fortan war der Dachboden verschlossen. Worauf wir beschlossen, wenn wir groß sind, werden wir Hippies.

Tja, die Ordnungsmacht hat keine Macht. Pippi hasst weiße Kniestrümpfe. Und wie ich so in Erinnerungen schwelge und dem prächtigen Gefühl, dass Kinder eigentlich ganz genau wissen, was sie wollen, rempelt mich Gina verschwörerisch an. Brauchen wir den ollen Rheinacher jetzt eigentlich noch?, fragt sie. Sie hätte gern den ganzen Text für sich. Würde doch auch Geld und Mühe sparen, oder?

Der Kampf beginnt. Ich kann mir doch nicht von meiner Figur vorschreiben lassen, wie ich den Abend konzipiere! Soll sie sich nur an dem Rheinacher reiben. Gute Texte brauchen Reibung. Aber vorher braucht die Autorin einen knackigen Titel. Und das ist schlimmer als Schlagzeilenschreiben und Buchtitelbasteln zusammen. Der muss aufs Plakat. Muss etwas vermitteln. Muss die richtigen Leute anziehen... So lange bleibt Gina in Jeans und T-Shirt. Und der Rheinacher auch.

1. Oktober 2008

Wo ist Gina Grumbier?

Ich habe die Dame gestern in Urlaub geschickt, weil sie nervte. Ich muss nämlich den Kopf frei haben für Public Relations, wie man so schön neudeutsch sagt. Sprich, ich muss mir möglichst schnell einen Text für Flyer, Website und Werbung ausdenken, brauche einen knackigen Titel, und wenn mir dann noch was Feines für die Plakatgestaltung einfällt, dann dürfen meine Figuren wiederkommen.
Auch das ist Kunst: Logistik und Werbung, denn ohne Veranstalter keine Veranstaltung.
Ach übrigens... falls Veranstalter aus dem Dreiländereck zufällig neugierig werden - Infos kann man gern bei mir abrufen, Kontakt via Website.

Aber keine Angst, Gina probiert bereits die versprochenene Rezepte und bringt sie bald!

Grenzen und Grenzgänge

Ich habe bereits in meiner Kolumne das Theaterprojekt von "Les sentiers du theatre" vorgestellt, für das ich den französischen Text ins Deutsche übersetzt habe.
Nun gibt es die aktuellen Termine für "Frontières - Grenzen" ab übermorgen!

3.10. , 20 Uhr in der Bibliothek von Betschdorf (F)
4.10., 18 Uhr im Museum von Elchesheim-Illingen (D)
10.10., 18.30 Uhr im Kellertheater Rastatt (D)
11.10., 19 Uhr im Musée de la Wacht in Mothern (F)
Reservierungen für alle Abende (auch deutschsprachig) unter dieser Telefonnummer.

Und vielleicht sieht man sich ja - ich werde versuchen, in Rastatt dabei zu sein.

Mülldeponie der Töne

Dass Kunst jedermann und jederfrau auf der Straße Spaß machen und doch politisch sein kann, zeigt eine französische Truppe mit einem "Musik"theater der besonderen Art, das vor keinem Medium Halt macht. "Le Bruit qu'ça coûte" klingt kompliziert, ist es aber nicht: Unsere Konsumgesellschaft produziert immer mehr Müll und immer mehr Geräusch. Also haben Jerome Pergolesi und Philippe Aubry beschlossen, etwas zu tun, bevor all die überflüssigen Töne in der Luft einen neuen Treibhauseffekt produzieren.

Jeder interessierte Mensch kann sein Geräusch jetzt auf der Müllhalde der Töne abgeben, damit auch ordentlich fürs Recycling aufbereitet wird. Wer die technischen Möglichkeiten nicht hat, darf seine Töne auch direkt bei den Müllagenten abgeben - am 4. und 10. Oktober und am 8. November jeweils von 15-17 Uhr in der Friche laiterie in Strasbourg, 10 rue du Hohwald - also am südlichen Ende des Bahnhofsgeländes. (Übrigens ein Geheimtipp für Theaterbegeisterte - die Friche laiterie beherbergt freie Theatertruppen und bietet jede Menge Veranstaltungen!)

Am 15. November um 15 Uhr ist es dann dort so weit: Jeder darf beim großen Recycling mitmachen und - ob blutiger Laie oder Künstler - am Kunstwerk mitarbeiten. Es gibt eine Einweisung in die unterschiedlichen Techniken des Geräuschreyclings und am Schluss das große "oeuvre bruitiste collective".

Wer es nicht nach Strasbourg schafft, kann bereits jetzt in den noch nicht sortierten Müll hineinhören: hier und hier.

24. September 2008

Grumbier, Grumbeer, Erdapfel oder Kartoffel?

Gina Grumbier nimmt mich beiseite und fragt neugierig, wie ich auf ihren Namen kam. Erfundene Figuren sind manchmal ganz schön neugierig! Ich wolle doch wohl nicht behaupten, sie sei eine aldi Grumbier, eine alte Schachtel, ein altes Weib! "Du bist a rechte Grumbier" sollte einmal bedeuten: "Du bist ein einfältiger Mensch". Ist das wirklich die Bedeutung von Grumbier, ein Schimpfwort?

Von der Grundbedeutung ist Grumbier etwas, das es im gesamten Dreiländereck gibt, in Baden, dem Elsass und der Pfalz isst man sie nämlich gern: die Kartoffel. Grumbier ist dabei recht international, denn die leckere Knolle heißt so klanglich ähnlich in Schwaben, der Pfalz, Rheinhessen und hat in Abwandlungen auch östliche Geschwister. Krumbiere essen die Kroaten, die Tschechen tauschen den Konsonanten zur Krumpir und sind der Krumpli der Ungarn damit sehr nah. Grummpien kennen sogar die Rumänen und die Österreicher kredenzen Krumpan. Grumbier kommt von "Grundbirne" - man hat das Gewächs in jenen Gegenden mit der Nahrhaftigkeit einer Birne verglichen, die man aus dem Grund, der Erde zieht. Woanders hatte man es dann lieber mit den Erdäpfeln und bei den polnischen Nachbarn kauft man ganz einfach Kartofle. Aber beschränken wir uns aufs Dreiländereck mit seinem Sprachgewirr!

Für regionale "Ausländer" ist es nämlich nicht immer ganz einfach, die hochdeutsch fast arrogant klingende Kartoffel auf der Speisekarte zu erkennen. Kein Wunder, denn bei "Kartoffel" muss man derart die Lippen spitzen und "ff" ausatmen, dass es einem kaum gelingen will, in die Köstlichkeiten hineinzubeißen. Der Pfälzische Dialekt mag zwar Linguisten verprellen, aber den Genießern kommt er entgegen: einfach breit lächeln, den Mund leicht öffnen und beim Kauen weiche Lippenlaute wälzen:
Gebreedelde sehen so flach und kross aus wie ein "e" = Bratkartoffeln
Gequellde gehen beim Kochen im Wasser auf, bis sie platzen = Pellkartoffeln
Grumbierschtambes ist Kartoffel gestampft = Kartoffelpürée
Schales - hier versagt meine linguistische Vorstellungskraft, das sind geriebene Kartoffeln, in Öl gebraten, also so ähnlich, wie man hochdeutsche "Kartoffelküchlein" oder Reibekuchen machen würde.

Der badische Dialekt ist da schon einfacher: Krumbiere isst man da, aber in manchen Gegenden auch Härdepfel (hochdeutsch = Herdäpfel).
Der Badner schwätzt weniger und goutiert lieber, macht's also kürzer als der Pfälzer:
Brägeli oder Brägele = Bratkartoffeln
Härdepfelbrei = Pürée, das, wenn es missrät, zum Babbedeggel verklebt.
Man ist derart stolz auf die Kartoffelesserei, dass man für Andersdenkende ein eigenes Schimpfwort hat: Schbätzlesfresser, mit denen man dann aber wieder ganz unpatriotisch die Schupfnudle teilt, einen Zwitter aus Kartoffel und Nudel ähnlich den italienischen Gnocchi.

Im Elsässischen könnte man bei über 200 Unterdialekten Sprachenchaos vermuten, aber es ist einfacher als gedacht. Je nach Gegend sagt man einfach Härdapfel, Grumbiere, Grumberra oder Kardoffle, denn Elsässisch ist wie Südbadisch oder Schwyzerdytsch eine alemannische Sprache. Bei den Gerichten geht sie als Name eher unter, steckt aber garantiert in jedem Bäckeoffe und Choucroute drin. Und richtig zungenbrecherisch wird es bei den Roigebradeldi! Wahrscheinlich deshalb ein so fettes Wintergericht, weil man sich dafür tüchtig das Mundwerk ölen muss!

Appetit bekommen? In der nächsten Folge gibt's nach dem trockenen Sprachexkurs leckere Rezepte aus dem Dreiländereck und natürlich lüften wir das Geheimnis, warum Gina Grumbier so heißt, wie sie heißt!

21. September 2008

Sinnliche Übersetzungen

Ich bin ja eine, deren Sinne in mehrfacher Hinsicht nicht "normal" funktionieren wollen: Als Badnerin kann ich mit der Nase auch schmecken und als Synästhesistin höre ich Bilder, fühl-sehe Musik oder Geschmack. Keine Frage, dass mich alles in der Kunst interessiert, was die üblichen Wahrnehmungsschubladen herauszieht oder überwindet. Und so bin ich gestern im Galand ganz auf meine Kosten, nein, auf mehr als fünf Sinne gekommen.

Die Theatertruppe HandStand gab Goethes Faust in Ausschnitten, aber auf mehreren Ebenen. Faust wurde also nicht nur wie üblich gespielt und gesprochen, sondern auch "gebärdet". Völlig unbedarft wollte ich mir das anschauen, Gebärdensprache kannte ich bisher nur aus den Nachrichten, wo mir immerhin schon mal auffiel, dass sich harsche Politikerattacken und bedenkenvoll schleppende Rede durchaus in der Rhythmik und im Bild der Gesten niederschlagen. Faszinierend also, sich auf diese "Fremdsprache" ganz naiv einzulassen, sie wirken zu lassen - wie wenn man als Urlauber zum ersten Mal Italienisch hört.

Lange weiße Papierfahnen hingen im dreistöckigen hohen Tabakschopf von oben herab. Spontan kommen einem Assoziationen zu Gebetsfahnen oder japanischen Schriftrollen - auf alle Fälle wollen da Zeichen entdeckt werden. Die Künstlerin Martina Staudenmayer hat ein Jahr lang Vernissagenreden aufgezeichnet und das, was so manchen Kunstliebhaber gern auch mal einschläfert oder verwirrt, in die für Hörende zunächst fremd wirkende Gebärdensprache übersetzt. Reden über die Kunst wird transformiert in Kunst selbst - über die man dann wiederum reden könnte. Womit der Vernissagenredner vom Künstler gezwungen wäre, über Vernissagenreden zu sprechen - reizvoll, sich die Folgen auszudenken...

Am besten schaut man jedenfalls einfach hin und öffnet seine Sinne, vergisst alle Sprachkenntnisse und Begrenzungen. Und dann enstehen auch aus dem unbeweglichen Bild heraus eigene Rhythmen, Richtungen. Wenn ein Redner sichtlich zu langweilen beginnt oder sich wiederholt, erstarrt sogar das Bild. Dann gibt es die Aufgeregten, die Schwingenden und auch welche mit großen Pausen. Zu gern möchte man verstehen, was da steht.

Und vor diesen kleinen Gesten gab es dann die großen der Schauspieler, dreidimensional. Das Theater HandStand hat nicht einfach jedem einen starren Übersetzer beigegeben, sondern die Gebärdensprache ins Schauspiel integriert und transformiert. Ungefähr so, wie ein guter literarischer Übersetzer einen Goethe nicht wortwörtlich hinüberübersetzt, sondern nachdichten muss, suchten die Schauspieler mit ihren Gebärden eine adäquate Wiedergabe, ein Parallelstück. Mephisto teilte sich in zwei Männer und eine Frau, die Sprachen seiner Anteile wechselten und plötzlich stand da mehr als nur ein Pudel oder Teufel - ein vielschichtiges Wesen, das sich ineinander zu verzahnen schien.

Ich weiß nicht, wie es anderen ging - ganz schnell schaute ich nur noch auf die Gebärdensprache und war manchmal sogar froh, wenn die Tonvorlage kurz verstummte. Denn diese stille Welt entwickelte so viel eigene Poesie und Lebendigkeit, so viel Schönheit und Musik, dass man auch als Nichtkenner zeitweise verstand, was da ausgesagt wurde. (Und vor allem gewahr wurde, welchen Lärm wir Hörenden und Sprechenden ständig veranstalten). Das Theaterspiel gab der gesprochenen Sprache außerdem eine ganz besonders sinnliche Form, wo Gebärdensprache zum Tanz von Händen und Körpern wurde. Und wenn Schauspieler zwischen beiden Mitteilungsformen wechselten, entstand zeitweise ein eigenartiger Effekt: Goethe lief auf mehreren Ebenen gleichzeitig ab, und zwar so verschränkt, dass man sich überlegen musste, wie man sich eigentlich selbst mitteilte, dass man der eigenen Gesten und Mimik gewahrer wurde.

Diese Fassung von Faust hatte eine sehr bezaubernde, eigene Poesie. Und obendrein sprang der Funke aufs Publikum über: Goethe war doch ein ziemlich humorvoller Dichter und Klassiker können unendlich viel Spaß machen!
Bleibt zu sagen, dass ich als Synästhesistin ein ganz eigenes Erlebnis hatte, das ich nicht missen möchte. Ich hatte das Vergnügen, noch eine dritte Ebene zu erleben - die Gebärden habe ich nämlich "hören" können, nicht mit den Ohren, nicht die gesprochene Sprache dahinter, sondern eher Klänge - fühlbare, farbige, dreidimensional im Raum bewegliche Klänge. Und als Produzentin von Texten bin ich natürlich doppelt fasziniert, auf welche Arten man Text wiedergeben kann.

In diesem Sinne - keine Angst vor Fremdsprachen, einfach wahrnehmen, hinschauen, hinfühlen, wirken lassen. Die weiteren Aufführungen der Theatertruppe möchte ich jedem neugierigen Sinnesmenschen empfehlen!

19. September 2008

Einkaufen im Hofladen

Das Bibbern der letzten Tage bei Nachttemperaturen um die sechs Grad und immer noch leerem Heizöltank hat böse Vorwinterstimmung hinterlassen. Also habe ich mir heute bei plötzlichen 24 Grad im Schatten einen Ausflug als Stimmungsaufheller geschenkt, bei dem ich nach Urzeiten wieder einmal in einem Hofladen einkaufen wollte. Zumal ich das verpestete Plastikfoliengemüse aus Spanien (übliche Ware im Elsass, denn die Elsässer Bauern bauen ja lieber Mais an) nicht mehr ertrage. Das Zeug hat zwar unterschiedliche Farben und Formen, aber alles schmeckt gleich, nämlich nach nichts.

So habe ich mich dann am Rand der Ortenau wiedergefunden und wurde von Formen und Farben begrüßt: Paprika in spitz oder rund, knubbelig oder groß, lila, rot, gelb, grün... Und jede duftet anders. Ich war dann erst mal trunken vor Düften - das fehlt der supermarktgewohnten Nase nämlich, zumal ich meine Arbeit selten für einen Gang in die Markthalle von Haguenau unterbrechen kann, wohin man aber auch aus Spanien importiert.

Was so ein Bauernladen heutzutage an Köstlichkeiten verkauft, ist einfach umwerfend. Da gibt es Bärlauchöl und selbstgemachten Himbeeressig; Früchte und Gemüse, wie man es als kleines Kind malte. Selbstgemachte Käse, heimische Würste, Brot und Kuchen aus eigener Bäckerei... Als ich daheim auspackte, wusste ich gar nicht, wo ich zuerst probieren wollte: Ein Rädchen Blutwurst? Oder hauchfein geschnittenen echten Schwarzwälder Schinken auf dem frischen Holzofenbrot? Was werde ich mir heute abend kredenzen? Die geräucherte Schwarzwälder Forelle? Das Huhn, das kürzlich noch über diesen Hof rannte? Passen dazu Antipasti von gemischten Paprika oder mache ich den knackig frischen Eichblattsalat mit frischem Lauchzwiebelgrün an? Das Desert steht jedenfalls fest: Frische Bühler Zwetschgen.

Egal, den Hefestreußel habe ich vorhin zum Kaffee schon vorprobiert. Und bin entschwebt, weil er besser war als mein eigener. Und falls ich heute abend zu viel herumprobieren sollte, habe ich ein gutes Tröpfchen mitgebracht: Blutwurz in Topinambur. Der Topi hat sein müssen, weil er gerade auf den Feldern zwischen Hügelsheim und Lichtental üppig gelb blüht und dem Herbst Feuer gibt. Aber Blutwurz?

Neugierig ließ ich mich aufklären, denn ich kenne Blutwurz als Heilkraut zum Blutstillen, würde also eher einen verletzten Finger hineinhängen als die Zunge. Aber mit dem Topinambur hat man früher ja auch die Füße eingerieben, mit dem Vorbrand natürlich. Und da erzählt mir die eine Frau, das sei ganz üblich als Verdauungsschnaps bei großen Geburtstagen und Hochzeiten. Und die andere meinte, genau deshalb könne sie den Geschmack nicht ertragen, weil sie das als Medizin kenne, wenn man krank am Magen war.

Es hat mich ein wenig traurig gemacht, dass mir dieser Schnaps so fremd schien. Zwanzig Jahre in Emigration - machen die so viel aus? Ich entdecke ein fremdes Land... Ganz neugierig habe ich dann natürlich daheim sofort dran riechen und schmecken müssen. Uaaaaah! Von wegen fremd! Sofort war die Erinnerung wieder da. Der Vater meiner Schulfreundin hatte das im Schrank. Wenn er mal wieder auf der Jagd gewesen war und üppig Wild gegessen hatte, gab's das Zeug hintennach. Wir Kinder haben natürlich irgendwann mal heimlich daran genippt. Ach, hat's uns geschüttelt! So eine eklige Erwachsenenmedizin! Und roch wie der Schnaps, mit dem die Oma ihre Füße einrieb. Besser als Franzbranntwein, meinte sie immer und schluckte dann noch ein Glas inwendig, zur Sicherheit.

Es ist faszinierend, wie sehr uns Geschmäcker und Gerüche aus der Kindheit prägen. Auch auf der Heimfahrt dann bei halb geöffneten Fenstern... Der Duft der Topinamburfelder in der Luft - und dahinter die wässrig-erdigen Lüfte des Rieds, Sumpfgründuft. Jede Landschaft riecht anders - und das will ich genießen, bevor der Geschmack von Frost kommt.

Croissant: Was ist das?

Herr Rheinauer betet eine Liturgie. Brabbelt seltsam gedehnte E-Laute und fremdländische Wörter. Als Gina Grumbier wissen will, was das soll, meint er patzig, er zähle die Grundstoffe auf, aus denen ein moderner Croissant bestehe. Croissant, also dieses beliebte Frühstücksgebäck aus Frankreich, das man stilecht in den Kaffee-Bol tunkt. Ohne Tunke kracht das mondförmige Hörnchen leicht zwischen den Zähnen und blättert ab - denn es wird aus feinstem Blätterteig gemacht. Auf der Zunge zergeht es dann wie Schmelz.
Aber dafür braucht es doch nicht viel Zutaten? Gina Grumbier weiß von Mehl, reichlich feiner Butter, Zucker... das Übliche eben.

Rheinauer lacht boshaft und hält ihr das Kleingedruckte eines modernen Bäckerketten-Croissants entgegen, der mit Schokokrümeln bestreut und mit Nusspaste gefüllt ist:

Weizenmehl, E 322 von Soja, E471, hydrogeniertes Pflanzenöl, Milchpulver, Emulgatoren (E 322), Arone, Butterkonzentrat, Wasser, Ei, Hefe, Zucker, "Verbesserer": Gluten, Emulgatoren E 472e und E 471, Malz, Pflanzenöle, Enzyme, Mehlbehandlung durch E 300 und E 920, iodiertes Salz.
Füllung: Nougat (20% der Paste), 80%: Zucker, Nusspaste, tw. hydrogeniertes Pflanzenöl, Kakaopuder.

Wohl bekomm's!

18. September 2008

Gemütlichkeit

Das deutsche Wort "Gemütlichkeit" ist in vielen Sprachen schlicht unübersetzbar. So fühlt sich auch ein Franzose eher "à l'aise", d.h., er hat es komfortabel, bequem. Und weil man auch "schöner Feierabend" weder übersetzen kann noch als Gruß kennt, setzt sich das Klischee durch, die Nachbarn jenseits der Grenze seien eben ganz besonders auf die Entschleunigung der Zeit bedacht. Erhärtet wird das durch zwei weitere Klischees: Im Rest von Deutschland hält man die Badner für "Italiener", weil sie angeblich lieber Feste feiern als arbeiten. Und die Pfalz würde man in einem französischen Disneyland aus schnuckeligen Weinstuben basteln.

Tja, die liebgewordenen Vorurteile...
Kürzlich habe ich feine Orte der Beschleunigung im deutschen Grenzgebiet ausgemacht. Orte, an denen man sich die Gemütlichkeit abtrainieren kann, vielleicht, um mehr Zeit für den Feierabend zu haben? Denn auf Parkplätzen für Supermärkte ist mit der Ruhe Schluss!

Eine dreiviertel Stunde nur billigten mir die Pfälzer für meinen Wocheneinkauf zu. Gar nicht so einfach, wenn man in einem fremden Laden erst alles suchen darf, ausländische Ware beäugen - und noch schlimmer, mühsam mit Lesebrille alles Kleingedruckte entziffern muss. Kommt die Wartezeit an der Kasse hinzu. Hopphopp, nix wie durch, nix wie raus.

Damit ist das Geheimnis eines elsässischen Witzes gelüftet, der besagt, wenn du im Supermarkt einen Wagen in die Hacken gefahren bekommst, dann sei das garantiert ein Deutscher, immer hopphopp beim Einkaufen. Wir wechseln nämlich auch mit der Kassiererin bei Aldi noch ein nettes Wort und gehen erst mal mit der Freundin im supermarktseigenen Bistro einen trinken. Und zwischen den Regalen wird dann auch noch fleißig geratscht, telefoniert und geflirtet. Eine französische Kaufhauskette hat das erkannt und bietet einen Verkuppelungsservice. Singles auf der Suche nehmen einfach einen Einkaufswagen mit rosa Schleife! Man geht doch nicht Einkaufen, nur um einzukaufen!

Die Badner haben mir dann mein Klischee wieder gerettet. Die geben mir gleich hinter der Grenze doch tatsächlich 45 Minuten mehr als die Pfälzer! Jaja, wir haben das Leben schon immer etwas ausführlicher genossen. Aber trotzdem, anderthalb Stunden! Früher sind die Rastatter stundenlang auf der Staffel gesessen und haben nur geschnatzt und nie auf die Uhr geguckt. Jaja, früher war alles besser, da hatte auch eine Stunde noch mehr Zeit...

Aber wer ist denn nun gemütlich? Wer der Gemütlichste von allen? Elsässer? Franzosen? Badner? Pfälzer? Eskimos?
Oder könnte es sein, dass man Gemütlichkeit inzwischen sehr genau zuordnen und planen muss?

Straßentheater - Elsass

Für kurzentschlossene Wochenendausflügler gibt's Straßentheater im Elsass mit der Truppe "Les Professionnels" und ihrem Stück "International Cirkus". Wie der Titel schon sagt, eine Sache, die man auch ohne Sprachkenntnisse goutieren kann.
"Les Professionels" gastieren am Samstag, 20.09. beim Kulturzentrum "Saline" in Soultz-sous-Forets (neben Match) um 16 Uhr und in Wintzenbach sind sie am Sonntag, 21.09., zwischen 16 und 18 Uhr. Weil dort der Verein "Sur les sentiers du théatre" sitzt, der sich darum bemüht, Kultur und Theater ins ländliche Gebiet des Outre Foret zu bringen und das Ganze veranstaltet, ist dafür gleich eine ganze Straße abgesperrt.

Und wer sich auf französisches Straßentheater einstimmen will oder keine Zeit hat, findet solch eine Szene in meinem Roman "Lavendelblues". Ein kleiner Ausschnitt daraus:
"Als im Licht der Straßensonne eine frauengroße Mohnblume auf Zehenspitzen tanzt, klatsche ich spontan in die Hände. Frau Mohn ist so wunderschön in ihren roten Schleiern. Da droht der überdicke Mönch mit dem erstaunlich dünnen Finger und kündigt damit unfreiwillig einen Gaukler an. Der spuckt Feuer, treibt den Mönch damit in die Flucht und stibitzt, während wir alle abgelenkt sind, das letzte Stück Käse..."

PS: Wie üblich fehlt mir sowohl auf der Tastatur als auch hier auf dem Server ein gewisser schöner Akzent - ideal auch als Ausrede, weil ich mit den Akzenten auf Kriegsfuß stehe...

16. September 2008

Musikfestivals im Elsass

Im Elsass ist wieder der heiße Herbst der Musikfestivals angebrochen und es werden jährlich mehr. Fast schon zu viele auf einmal, denn so viel Musik kann man mit zwei Ohren gar nicht fassen... Einige Festivals laufen bereits seit Anfang September, andere beginnen erst noch. Ein kleiner Überblick:

Bis zum 5. Oktober finden Freunde romanischer Musik außergewöhnliche Konzerte in romanischen Bauwerken: Voix et route romane. In diesem Jahr ist Rosheim am Odilienberg gleichzeitig Gastgeber der mittelalterlichen Tage, mit Markt, Bankett und Vorstellungen. Allein wegen seiner außergewöhnlichen Hohenstauffer-Kirche und einem Wohnhaus aus der Zeit (mit Museum) ist der Ort einen Umweg wert. Und der Odilienberg thront gleich vor der Haustür. Vielleicht fährt man über St. Leonhard dorthin, dort ist eine der ältesten Marqueterie-Werkstätten des Elsass zu sehen. Vorfahr Spindler schuf berühmte Jugendstilarbeiten und u.a. die Bilder in der Kirche auf dem Odilienberg. Der Nachfahr verkauft seine Holzkunst an Luxushotels in aller Welt und private Sammler.

Musica, das Festival für zeitgenössische Musik in Strasbourg (20.09.-04.10.), ist das berühmteste im Elsass - und versammelt alles, was Rang und Namen in der Szene hat. Dieses Jahr ist es Messiaen und Stockhausen gewidmet.

Dazu gibt es am 26. und 27. September einen kleinen Ableger im Quartier de la Laiterie in Strasbourg. Nuits électroniques de l'Ososphère heißt der Geheimtipp, für den jedes Jahr Künstler aus ganz Frankreich anreisen, die sich der elektronischen Musik und visuellen Installationen verschrieben haben. Vorsicht, das Programm ist prall: Etwa sechzig Konzerte und ein Dutzend Installationen verwandeln das nächtliche Viertel zwei Tage lang bis auf die riesigen Fassaden!

Und vom 11. bis 18. Oktober gibt es dann wieder den ganz großen Leckerbissen für Freunde von Weltenmusik, Jazz und Rock, die Nuits européennes, die gleichzeitig in Strasbourg, Schiltigheim, Bischheim und Offenburg stattfinden. Als besonders angesagt sind Konzerte von Balkan Beat Box, Terrafolk oder Iva Nova aus Russland, der New Yorker Klarinettist David Krankauer und die deutsche Band Al Awala. Weltenmix gibt es außerdem in einem bretonisch-äthiopischen und einem belgisch-argentinischen Projekt.

Und das sind jetzt nur die Festivals... Strasbourg ist natürlich jederzeit in Sachen Musik eine Reise wert. Und die Oper ist selbst nur zum Kaffeetrinken ein Erlebnis.

Mehr Infos:
Der offizielle Stadtserver von Strasbourg
info-culture, deutschsprachige Suchmaschine für Veranstaltungen im Dreiländereck
Stadtplan Strasbourg



Eine Frau mit vielen Köpfen

So, Gina Grumbier und Herr Rheinauer zeigen langsam ihr wahres Gesicht, werden greifbarer. Ihren Charakter brauche ich nicht nur für die Texte, sondern vor allem um zu wissen, wie sie sich bewegen und sprechen. Nicht so einfach, wenn man beides sein will...

Aber das ist Kleinkunst - Kunst mit kleinstmöglichem Aufwand. Ideal für leere Künstlerkassen, denn man kann ja nicht noch investieren. Alles wird auf ein Minimum begrenzt, weil man auch nicht weiß, wie potentielle Auftrittsorte aussehen könnten. Die Planung dieser "Äußerlichkeiten" läuft auf Hochtouren:

Die Figuren und Kostüme
Ein Mann und eine Frau, eine Genusssüchtige und ein Staatsdiener eines sinnesfeindlichen Landes. Aber nur eine Frau, die beide spielt.
Verwandlung also fliegend, auf der Bühne, mit wenigen Mitteln. Wie zieht man sich an, damit beides passt? Trägt Gina eher eine bunte Kittelschürze oder ein aufgemotztes Wickelkleid à la 80er? Rheinauer ist einfacher. Der bekommt eine kräftig grüne Detschkapp mit jeder Menge Pins und Ansteckern, vielleicht eine strenge Jacke. Demnächst ist ein Besuch im An- und Verkauf angesagt, wo es für ein paar Euro die schauderhaftesten Klamotten gibt. Bis dahin zieht Rheinauer die Mütze auf und Gina wedelt mit einem langen Schal. Das Wechselritual muss in Fleisch und Blut übergehen, für die Stimme, die Gestik, die Mimik, sozusagen als Umschaltknopf. Immerhin stimmt der Haarschnitt. Kurz. Das geht für Frau wie Mann.

Bühnentechnik
Im Ernstfall bei Glühlampe spielbar, mit eigener Stimme. Mikrophon an der Backe wäre Luxus. Keine Geräusche etc. von Band, denn merke: Die Anlage des Wirts fällt zum falschen Zeitpunkt immer aus. Und ein Ein-Frau-Stück bedeutet: Eine Frau hat nur zwei Hände.

Requisiten
Gina braucht einen Koffer. Möglichst alt, urig und mit exotischen Aufklebern, die ich mir auf dem Computer selbst basteln kann. Er muss leicht und handlich sein, weil er überall mitgeschleppt werden muss. Ideal: Wenn er die Größe hat, dass man sich auf ihn setzen kann oder ihn aufgerichtet zum Möbel umfunktioniert. Dann dient er, mit einer Fantasiefahne behängt, auch als Schalter für den bösen Zöllner und quergestellt als Sitz im Billigflieger. Gina braucht für die Anfangsszene einen überdimensionierten Hochglanz-Reiseprospekt. Im Koffer stecken ihre "Überraschungen" und literarische Texte, die irgendwie gut befestigt sein müssen und vor allem szenisch durchnummeriert.

Damit ist ein Grundrahmen gesteckt, von dem aus sich entwickeln lässt. Was Gina dann genau in ihrem Koffer mitführen wird, ergibt sich aus dem entstehenden Text. Und für den habe ich auf diversen Klassiker-CD-ROMs fleißig Texte gesammelt, die ich irgendwann sichten und Passagen auswählen muss. Absolut Köstliches, teilweise zum Schieflachen, über falsche Diäten, Fresssäcke, Gastmähler. Es ist erstaunlich, was man bei den alten literarischen Größen an Spaß finden kann.
Wenn die Texte ausgewählt und geordnet sind, muss die Spielhandlung drumherum geschrieben werden. Aber das später.

Und spätestens Ende Oktober muss die Ein-Frau dann ganz schnell PR-Frau und Veranstaltungsagentin werden. Sprich, Flyer drucken, Werbesprüchlein üben und sich bei möglichen Veranstaltern im Dreiländereck anbieten. Klinken putzen (etwas, was ich eigentlich gar nicht kann). Das ist schon recht spät, teilweise sind die Programme für 2009 ja schon gemacht... Zeitlich passt das mit der Buchmesse gut zusammen, denn dann muss ich wahrscheinlich wieder mit Hochdruck an zwei Bücher gleichzeitig...

Aber das wird schon. Mir bleibt nichts anderes übrig. Denn wie stöhnt meine Verwandtschaft so schön: "Hättsch du doch nur 'en g'scheiten Beruf gelernt!" Mit dieser Idee habe ich mich endgültig ins Abseits bugsiert. Ich sehe schon die Ahnenreihe, in der ich bald genannt werde... da war die Hochstaplerin, der Seefahrer, der nach Italien abhaute, der Kunstfälscher, pardon Kopist, der Comictyp bei Walt Disney... so viele ohne g'scheiten Beruf.

15. September 2008

Die Teppichmesser-Diät

Herr Rheinauer ist heute in seinem Element. Er hat Gina Grumbier beim Schmuggel im Billigflieger erwischt! Großspurig erklärt er ihr, Teppichmesser und Nitroglyzerin-Ampulle seien im Handgepäck auf dieser Route durchaus erlaubt gewesen.

Er erzählt ihr sogar von besonders feinen Dolchen, mit denen man sich in Japan den Bierbauch schönheitsoperiere. Ganz ohne Fettabsaugung, diese Harakiri-OP, ohne Magenverkleinerung und teuren Schnickschnack, nach Anleitung sogar desinfektionsmittelsparend im heimischen Wohnzimmer auszuführen, während Tante Erna ihren Kaffee schlürft und von Onkel Ernstens Darmverschluss erzählt.

Alles erlaubt im Handgepäck, auch der Dolch, gerade der. Aber dass die sie nicht erwischt hätten mit ihrer hochgefährlichen, das ganze Land, nein, die ganze Welt gefährdenden Superwaffe, diesem schlimmsten Übel aus der Achse des Bösen, diesem üblen Dreiländereck, nein...

Herr Rheinauer schimpft wie ein Rohrspatz und fischt das Objekt aus der Tasche. Mit spitzen Fingern übergibt er die brotpapiergetarnte Bombe einem Sondereinsatzkommando. Gina Grumbier muss sich für illegalen Waffentransport verantworten. Sie hat ein Leberwurstbrot geschmuggelt. Tod durch high fat, high calories, high Kohlenhydrate! Womöglich Durchseuchung des Landes durch Katzenschnupfen, BSE, Geflügelpest und Zwingerhusten!

Den Einwand, es handle sich um ein harmloses Schweinswürstchen, lässt der Grenzbeamte nicht gelten. Ist ja noch schöner, Massensterben durch Schweinefleisch, als ob's noch nicht genug Bedrohungen gäbe auf dieser Erde!

Gina Grumbier wird zu drei Tagen Diät nach Wahl verknackt. Die Auswahl ist brutal:
  • Steinzeit-Diät: Nur wer das Mammut bis auf den Teller kriegt, darf Fleisch essen. Der Rest kaut sich die Zähne auf Körnern stumpf und nimmt zum Schlafengehen psychedelische Pilze.
  • Die KFZ-Diät: Dein Chauffeur, den du dir am Essen absparst, fährt beim Joggen hinter dir her.
  • The Hacker's Diet: Eine ausgeklügelte Software deines Diätgurus sammelt Adressen für Pizza, Indisch und Chinesisch und wählt per Zufallsgenerator immer Pizza mit Hackfleisch.
  • Warrior Diet: Stell dir vor, die Versorgung ist unterbrochen und du hängst ohne Proviant im Urwald fest. Tagsüber erlaubt: Insekten, maßvoll. Nachts erlaubt: Feinde, satt.
Gina Grumbier wählt die amerikanische Krümelmonster-Diät kombiniert mit der Guinness-Diät (guinness is good for you), weil sie so leicht zu merken ist: Keine Kekse. Und ab 16 Uhr nur noch Flüssignahrung. Nachher als Diätbrecher zur Haftentlassung vielleicht ein saftiges Steak?

Herr Rheinauer poltert los: "Ein Steak wirkt ebenso tödlich wie eine Revolverkugel. Schlimmer noch. (...) Ihr Dickdarm ist verstopft mit verwesender Last, das ganze Blut strömt in den Eingeweiden zusammen, in seinem anfälligen Herzen nistet die Wut des Karnivoren - ein Steak tötet Tag für Tag, Minute für Minute, indem es aus dem ganzen Leben ein Martyrium macht!"

Das hat Herr Rheinauer von Dr. Kellogg geklaut. Also dem Dr. Kellogg, den T. C. Boyle im Roman "Willkommen in Wellville" walten lässt. Und ja, das ist der mit den zuckerreichen, künstliche Aromata-gewürzten Flocken, von denen man die Gene auch nicht mehr so genau kennt. Rheinauer schwört obendrein, dass keine der Diäten in seinem Strafgesetzbuch erfunden ist, sondern selbstverständlich durch die virtuelle Geheimdienstorganisation Guglhupf als existent zertifiziert wurde.

Gina Grumbier säuft irisches Bier und macht sich Sorgen um ihr Leberwurstbrot und den amtlichen Mitschnitt dieses Postings.

14. September 2008

Herbstliche Vogelgirlande

Gina Grumbier trinkt Farben. Nachdem gestern die Welt schier unterging in einem düstergrauen Vorhang von Dauerregen, leuchtet heute der Altweibersommer mit Blüten und Früchten. Blasslila betupfen die krokusartigen Herbstzeitlosen die saftigen Wiesen. Eine Heckenrose breitet ihre prallen Hagebutten über einen Apfelbaum mit lindgrünen Früchten, wie ein stacheliges Schutzdach. Der Vogelbeerbaum setzt fröhliche Tupfer in den blassblauen Himmel, feuerorange. Spatzen balgen sich im Feuerdorn um gelbe Köstlichkeiten und der reifende Mais raschelt trocken im Wind.

Zeit, sich die Farben des Altweibersommers ins Haus zu holen. Alte Rosensorten steckt sie zu gelbgrünen Dilldolden und allerlei Beeren in die Vase. Und dann denkt Gina Grumbier an den Winter. Sie fädelt Vogelgirlanden, die jetzt in der Wärme noch getrocknet werden können und später im Winter nicht nur einen Blickfang bieten, sondern köstliche Kletterseile für hungrige Vögel.

Das braucht sie dazu:

einen schönen Ast, vielleicht von Korkenzieherhasel oder -weide
frische Hagebutten
Beeren, die Vögel gerne fressen (Feuerdorn, Vogelbeere, Kirschlorbeer etc.)
Eine dicke, spitze Nadel
stabilen Faden
ein aufhängbares Objekt mit etwas Gewicht (Stein, Holz etc.)
Naturschnüre oder Bast zum Aufhängen

Und so geht's:

Die frischen Hagebutten auffädeln wie Perlen auf einer Kette. Dazwischen immer wieder Beerendolden und andere Naturobjekte einknoten und zum Schluss ein schweres Objekt befestigen. Diese "Ketten" in unterschiedlichen Längen an den Ast knoten und das Ganze sorgfältig trocknen. Nach draußen werden die Girlandenobjekte erst im Winter gehängt - jetzt fressen sich die Vögel noch anderswo fett. Wenn sich durch das Trocknen Lücken bilden, kann man im Winter ganz frisch Apfelschnitze dort befestigen.

Gina Grumbier gefällt das so gut, dass sie sogar Maiskolben schält und mit grobem Sisal oder Hanf in unterschiedlichen Längen und in straußförmigen Bündeln an einen Ast oder die Scheune hängt. Beim nächsten Dauerregen scheint dann hier gelb die "Sonne".

13. September 2008

Der Vorhang geht auf...

... im Publikum sitzen lebensfrohe Genießer, Menschen die gern kochen oder sich bekochen lassen, die Reisen durchs Land und im Kopf mögen, Grenzgänger und Gratwanderer, Sucher von Sinn und Sinnen. Aber auch Wortschmecker sind gekommen und Bildverschlinger, Text-Gourmets und Geschichten-Gourmands.

Darf ich die Protagonisten vorstellen?

Gina Grumbier, mit jedem ihrer Augen verwurzelt im Dreiländereck, Weltenbürgerin und sinnenreich Reisende. Mit einem Koffer voller Überraschungen hat sie die ultimative Genusstour gebucht und träumt bereits vom Sinnenrausch im Freiländereck. Wenn sie doch nur nicht in diesen Billigflieger gestiegen wäre... der landet an an einem grausamen Ort - und es lauert daselbst:

Herr Rheinauer, seines Zeichens Zöllner und Grenzgänger-Verhinderer, korrekt, schlagkräftig, Liebhaber perverser Diäten. Rheinauer schreibt ab und schreibt vor, bohrt seinen Zeigefinger in die Sünden der Genießer und drückt seinen Daumen auf Visa für Dauerasketen. Er beschlagnahmt Kunst und Literatur und droht Gina schlimmste Qualen an: Gefängnis, bei Wasser und convenience food...

... ein ungleicher Kampf beginnt...

Und wenn sie nicht kämpfen, berichten beide hier aus ihren Welten.